30. April 2001

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Ein Hauch von grosser Politik im kleinen Säli



So zufällig war das wohl nicht, dass vor dem Auftritt von Leila Khaled im Säli des Restaurants Parterre kurz nach 19 Uhr am Samstag die Polizei an der Bleicherstrasse per Mobil herumkurvte (das «Parterre» diente als Ersatz für den ursprünglich gemieteten Pfarreisaal Barfüesser, den die Pfarrei nach Protesten dann doch nicht zur Verfügung stellte). Aber nichts deutete auf der Strasse auf irgendetwas Besonderes hin.

«Mehr Licht auf Leila»

Ein Samstagabend wie jeder andere. Musik in der Beiz. Vorwiegend junge Leute an den Tischen und an der Bar. Über dem Lokal eine Schwatz-Rausch-Kulisse. Und ein Plakat «geschlossene Gesellschaft ? Privat» an der Tür zum kleinen Säli. In der privaten geschlossenen Gesellschaft im Säli an einem Holztisch sass sie, die umstrittene palästinensische Aktivistin und frühere Flugzeugentführerin Leila Khaled mit ihrem Markenzeichen um Hals und Schultern, dem traditionellen Palästinensertuch. Gelassen, souverän, ruhig, selbstsicher. Links von ihr die souveräne Moderatorin Birgit Althaler, Mitarbeiterin der Zeitung «Le Monde diplomatique», rechts Saida Keller-Messahli von der Gesellschaft Schweiz?Palästina. Im Säli ein Tisch mit viel Propagandamaterial. An einer Wand eine Karte Palästinas aus der Optik von 1948.«Mehr Licht auf Leila», forderte ein Mitglied der organisierenden Luzerner linkspolitischen Organisation Phase 1 von seinemfür die Beleuchtung zuständigen Kollegen. Scheinwerfer gedreht, und Leila Khaled war als Mittelpunkt angestrahlt. Auf einem grossen schwarzen Transparent leuchteten rote Buchstaben «Global players, global profit, global error ? Unsere Anwort: Game over».

Heimspiel für Khaled

Das Säli füllte sich allmählich. Es mögen letztlich etwa achtzig Leute gewesen sein, nach Meinung der Phase 1 gut neunzig. Vorwiegend junge Leute, die die Ikone des palästinensischen Widerstandes leibhaftig erleben wollten: zweifellos vorwiegend aus der links-alternativen Szene. Dazu augenfällig einige Araber, die in der späteren Fragerunde an Khaled mit ihren Standpunkten zur prekären Lage im Nahen Osten prägnant auftraten. Man war unter sich. Ein Heimspiel für Khaled. Als ob man sich vertraut seit Jahren kennen würde. Entsprechend war sie einfach die Leila. Vielleicht kennt man sich tatsächlich seit Jahren; vereint in derselben Politik, in derselben Rhetorik. Blumen gabs für Leila. Zwei weisse Rosen (oder warens drei?). Fein duftende Rosen statt geflügelte weisse Friedenstauben. Es folgte der bestimmte Hinweis, dass während der Veranstaltung keine Kameras geduldet würden, «zum Schutz des Publikums. Der Anlass könnte sonst zu einer Art ?Big Brother? ausarten.»

Sie kann reden

Leila redete etwa zwanzig Minuten lang (siehe Hauptbericht). Und sie kann reden, sie beherrscht die Rhetorik, hebt an zu einem feuernden, prasselnden, trommelnden Stakkato und lässt dann wieder den Redestrom ausmünden zu leisen, eindringlichen hypnotischen Formeln. Sie verfügt zweifellos über Charisma. Ihre Mimik ist bühnenreif, wenn sie Blitze schleudert und die Dinge wohl sachlich, aber verkürzt aus ihrer ausgeprägt eindimensionalen Sicht darlegt. Eine Hand hebt sie dann drohend in die Höhe, wenn es denn zur besseren Wirkungsentfaltung ihrer jeweiligen Aussage sein muss, unterstreicht damit Forderungen, um sich sofort wieder von der knallharten Kampffrau zur einschmeichelnden, werbenden Chefverkäuferin ihrer Politik zu wandeln: Leila Khaleds gekonnt inszenierte Wechselbäder mit einem Hauch von 1001 Nacht, gepaart mit cleverer Taktik.

Kritik kam keine auf

Es schwappte ihr an diesem Samstagabend im «Parterre» zweifellos viel Sympathie entgegen; meist mit zustimmendem Beifall. Es waren letztlich einzig «ihre» Leute, die sich auf diese Begegnung einliessen, nach der an diesem Abend gehörten Formel: «Wie siehst du es, Leila?» Kritik an ihr als Person und ihrer Politik, der palästinensichen überhaupt, kam nie auf. Auch nicht am Terror von Extremisten, der stets Gegenterror provoziert. Ein Gegenpart zu Leila Khaled war an diesem Abend nicht auszumachen. Nach zwei Stunden war offiziell Schluss. Khaled hatte sich innerhalb eines geordneten, sachlichen Rahmens geäussert, erntete Interesse und Kopfnicken. Dann rief wieder das Bier. Aus der Beiz dröhnten laut Musikfetzen ins Säli. Samstagabend eben?