"Wenn der Aufstand vom 1. Januar 1994 wegen der verschwörerischen Mittäterschaft Tausender Indígenas möglich war, so wurde der Aufbau der Autonomie in den Rebellengebieten durch die Mittäterschaft Hunderttausender Personen verschiedener Hautfarben, Nationalitäten, Kulturen, und Sprachen, kurzum, verschiedener Welten ermöglicht"
(Marcos in: Der Kalender des Widerstandes, Frankfurt 2003).
Inhalt:
- Chiapas
- Ende der Geschichte neu geschrieben
- Café RebelDía
- Literatur
- Links
- Meldungen

Chiapas:
Der Bundesstaat Chiapas befindet sich im Südosten Mexikos. Im Norden grenzt es an den Bundesstaat Tabasco, im Süden an den Pazifischen Ozean, im Osten an Guatemala und im Westen an die Bundesstaaten Veracruz und Oaxaca. Chiapas ist 75.634 km2 groß und weist eine der größten Arten- und Naturvielfalten der Welt auf. In Chiapas liegt die bedeutende Maya-Ruinenstätte Palenque.
Geschätzte Einwohnerzahl (von 1998) 3.928.625, davon 1.085.450 indigene Bevölkerung, von denen ca. 250.000 kaum spanisch sprechen. In den östlichen zwei Dritteln des Staates ist sie den Mayas zuzurechnen. Die Hauptstadt ist Tuxtla Gutierrez, die bekannteste Stadt ist San Cristóbal de las Casas, früher auch Ciudad Real. Chiapas wurde in der Kolonialzeit immer von Guatemala aus regiert. Als dieses sich 1823 abspaltete, blieb Chiapas bei Mexiko.
Chiapas ist einer der ärmsten Bundesstaaten Mexikos. 1994 wurde der Name Chiapas durch den Aufstand der Zapatisten auf der ganzen Welt wahrgenommen. Die Zapatisten, die sich in der EZLN (Ejército Zapatista de Liberación Nacional) zusammengeschlossen haben, kämpfen für die Rechte und die Entwicklung der indigenen Bevölkerung, gegen die Folgen der Globalisierung.
Ende der Geschichte neu geschrieben
Vor zehn Jahren besetzte die mexikanische EZLN-Guerilla mehrere Städte. Heute gilt der Aufstand als wichtiger Impuls für die internationale Bewegung gegen die neoliberale Globalisierung.
Niemand hatte mit dem Aufstand gerechnet. Am wenigsten die mexikanische Regierung. Als am ersten Januar 1994 hunderte Frauen und Männer der "Zapatistischen Armee zur Nationalen Befreiung" (EZLN) im südöstlichen Bundesstaat Chiapas mehrere Städte besetzten, schaute die Welt perplex auf dieses Fleckchen Erde. Hatten diese vermummten Landarbeiter denn gar nichts mitbekommen? Waren die Nachrichten von Zusammenbruch des Sowjetkommunismus nicht in die Berge und Urwälder Mexikos vorgedrungen? Wussten sie denn nicht, dass, wie der US-Theoretiker Francis Fukuyama fünf Jahre zuvor in einem Essay geschrieben hatte, das Ende der Geschichte gekommen war. Revolutionen gehörten doch der Vergangenheit an!
Die Rebellen aber blieben unbeirrt: Am ersten Tag des Freihandelsabkommens NAFTA zwischen Kanada, den USA und Mexiko forderten sie in einer viel beachteten Erklärung die Abkehr von neoliberalen Wirtschaftsmodell, Land und Freiheit.
Rebellion ist wie dieser Schmetterling, der auf das Meer ohne Insel oder Felsen zuhält. Er weiß, daß er keinen Platz zum landen hat. Doch zögert er nicht zu fliegen. Und nein, weder der Schmetterling noch die Rebellion sind dumm oder selbstmörderisch. Es ist nur so, dass sie wissen, dass sie doch etwas haben werden, wo sie landen können, weil es in dieser Richtung eine kleine Insel gibt, die noch kein Satellit entdeckt hat.
Subcomandante Marcos im Dezember 2002
Niemand konnte ahnen, dass der Aufstand der kleinen Guerillaorganisation in den folgenden Jahren entscheidende Impulse für die weltweite Bewegung gegen die neoliberale Globalisierung geben würde- zumal die EZLN binnen weniger Tage militärisch niedergeschlagen war. Doch legte gerade die massive militärische Reaktion den Grundstein für die internationale Solidarisierung mit den Rebellen.

Subcomandante Marcos
Von dem Überraschungscoup bloßgestellt führte die mexikanische Armee bis zum 11. Januar 1994 eine Großoffensive gegen die EZLN-Gebiete und bombardierte Dörfer. Und damit sie tappten mitten in die Falle: Die EZLN war keine herkömmliche Guerilla nach dem Vorbild Ernesto "Che" Guevaras. Militärisch war ihr nicht beizukommen, weil sie auf einer anderen Ebene angriff. Ihre Waffe war das Wort, ihr Medium der Subcomandante Marcos. Allein in seiner Person wird der Fokus auf die geplante Außenwirkung deutlich. Sein Gesicht von einer Wollmaske bedeckt, vereint Marcos die Requisiten des alten revolutionären Mexikos von Emiliano Zapata mit denen der Gegenwart: Über der Maske trägt er ein Headset, an dem Patronengürtel ist ein Handy zu sehen.
In gewisser Weise war das militärische Auftreten der EZLN - die im übrigen bereits 1983 gegründet worden war - ein Ablenkungsmanöver. Ihre eigentliche Absicht sei es gewesen, so Marcos später, Signale gegen die politische Agonie der Linken zu geben. "Wenn ihr uns helfen wollt", sagte er, "helft euch selber".
Mit alter Revolutions- und neuer Fortschrittssymbolik versuchte Marcos gewissermaßen die Brücke über das Ende der Geschichte hinaus zu schlagen. Und tatsächlich legte die Debatte über die neozapatistische Revolte auch die Probleme der Linken offen: Wie etwa sollte man sich zu einer Guerillaorganisation positionieren, die offen erklärte, dass die Eroberung der Macht nicht zu ihren Zielen gehöre. Ein Paradoxon? Mitnichten, meint der in Mexiko lehrende Soziologe John Holloway:
Wenn wir am Politischen teilnehmen, ohne es als Form gesellschaftlicher Aktivität in Frage zu stellen, dann haben wir aktiv Teil am Prozess der Trennung, der das Kapital ist, gegen das wir angeblich kämpfen, ganz gleich, wie 'fortschrittlich' unsere Politiken sein mögen. Wenn wir also den Staat als die 'vorherrschende Organisationsform der Unterdrücker' verstehen, dann ist das nicht ein Argument für einen über den Staat geführten Kampf, sondern im Gegenteil ein Argument für die Erfindung anderer Formen des Kampfes.
John Holloway: Zapatismus als Anti-Politik, in: Das Argument 06/2003
Vergleicht man das 1994 noch unausgereifte politische Konstrukt der EZLN mit der heutigen Situation, schneiden die Zapatistas nicht schlecht ab. Denn die weltweite globalisierungskritische Bewegung steht in der Tat außerhalb orthodoxer Formen linker politischer Aktion. Obschon die entsprechende Diskussion nach wie vor geführt wird, ist etwa aus dem ATTAC-Netzwerk noch in keinem Land eine politische Partei entstanden, die eine parlamentarische Mitbestimmung anstrebt.
Vielmehr gelang es beiden, den Zapatisten auf regionaler Ebene, der Anti-Globalisierungsbewegung auf globaler Ebene, eine Gegenöffentlichkeit zur politischen Vorherrschaft des Fukuyama-Szenarios zu etablieren. Die moderne Kommunikation wird dabei rege genutzt (Kommunikationsguerilla mit alten Mitteln). In beiden Fällen gilt das Motto, den Gegner mit den eigenen Waffen zu schlagen, ohne sich die Regeln der Schlacht diktieren zu lassen. Ein geschlossenes Schema verbirgt sich hinter dieser Strategie ebenso wenig wie fertige Lösungen. Nötig sei dies, erklärt die EZLN auch zehn Jahre nach dem Aufstand, weil die traditionellen "Lösungen" der Linken 1989 und 1991 gescheitert seien. Ein anderer Sprecher der Organisation, Comandante Tacho, fasste die Idee einmal so in Worte:
Die Revolution ist wie Unterricht in einer Schule, die noch gar nicht gebaut wurde.

Café RebelDía
Die Kaffee-Kooperative Mut Vitz - Berg der Vögel
Am Fusse des Berges Mut Vitz, im Hochland von Chiapas (Mexiko), haben sich rebellische Kaffeebauernfamilien zusammengeschlossen, um ihren Kaffee gemeinsam zu fairen Bedingungen zu vermarkten.
Die junge Kooperative Mut Vitz (auf Tzotzil: Berg der Vögel) ist Teil der zapatistischen Bewegung in Chiapas. Der Kaffee ist für viele Bauernfamilien oft die einzige Einnahmequelle. Durch den direkten Verkauf ihres Kaffees zu einem fairen Preis erreichen die 600 indigenen Kleinbauernfamilien aus vier autonomen Bezirken ein existenzsicherndes Einkommen.
Die Mitglieder der Kooperative Mut Vitz stellen von "natürlicher" auf zertifizierte biologische Produktion um und erhalten 2003 das Bio-Gütesiegel für ihren hervorragenden Arabica-Kaffee.
Indigene Autonomie
Die indigene Bevölkerung in Chiapas hat genug von den neoliberalen Strukturanpassungen der mexikanischen Regierung. Die aufständischen Gemeinden wollen eine wirtschaftliche und politische Autonomie erreichen, um ihre Geschichte in die eigenen Hände zu nehmen. Diese Selbstbestimmung ist als basisdemokratische Organisationsform zu verstehen und ist nicht zu verwechseln mit einer Abspaltung vom mexikanischen Staat. Die aufständischen Indígenas wollen nicht länger als Menschen zweiter Klasse behandelt werden, sondern als vollwertige BürgerInnen Mexikos mit eigener Kultur und politischer Selbstbestimmung anerkannt sein.
Selbstbestimmte Projekte wie Mut Vitz sind von der staatlichen Repression und von paramilitärischen Verbänden bedroht. Die Aufstandsbekämpfung hat unter anderem zum Ziel, unabhängige Organisationen zu unterdrücken. So wurden im Frühjahr 2000 vier Mitglieder der Kooperative umgebracht.
Der zapatistische Aufstand
Am 1. Januar 1994 besetzten einige tausend indigene KämpferInnen der EZLN (Zapatistische Armee zur Nationalen Befreiung) die Kolonialstadt San Cristóbal de las Casas und weitere Bezirkshauptstädte im Bundesstaat Chiapas. Der zapatistische Aufstand steht in der Tradition des Jahrzehntealten Kampfes der MexikanerInnen um Arbeit, Land, Behausung, Ernährung, Gesundheit, Bildung, Unabhängigkeit, Freiheit, Demokratie und Gerechtigkeit als Voraussetzung für ein würdiges Leben.
Die San Andrés-Abkommen von 1996, die zu einer politischen Lösung des Konflikts hätten führen sollen, wurden von den verschiedenen mexikanischen Regierungen bisher nicht umgesetzt. 70'000 Soldaten besetzen weiterhin weite Teile Chiapas und die Repression fordert nach wie vor zahlreiche Opfer.
Kaffeemarkt und Armut
Der Süden Mexikos ist einer der wichtigsten Kaffeeanbaugebiete Amerikas. Kaffee wird in erster Linie von indigenen Kleinbauern angebaut, die zu der ärmsten Schicht des Landes gehören. Der Kaffeemarkt steckt seit einigen Jahren in einer tiefen Preiskrise. Weltbankprogramme in Vietnam förderten eine Überproduktion, die den Börsenwert für Kaffee unter die Produktionskosten fallen liess. Hunger, Landflucht und politische Instabilität sind die Folgen.
Viele Bauernfamilien schliessen sich deshalb zu Kooperativen zusammen, damit sie geschlossen auf dem Markt auftreten und ihr Produkt zu einem gerechten Preis verkaufen können. Die Marktnische des fairen Handels bietet so eine Chance, weiterhin existenzsichernd Landwirtschaft betreiben zu können; die Alternativen dazu sind Migration in die USA oder die menschenunwürdige Fabrikarbeit in den Freihandelszonen.
Café RebelDía: Für Deinen täglichen Aufstand
Der Verein Café RebelDía vertreibt den Kaffee von Mut Vitz in der Schweiz und arbeitet dafür mit der Rösterei Bertschi Café (Birsfelden) zusammen. Wir zahlen Mut Vitz den durch die Max-Havelaar-Stiftung festgelegten fairen Preis für ihr Produkt. Mit dem Erlös aus dem Vertrieb unterstützt der Verein Café RebelDía die Selbstverwaltung der autonomen indigenen Bezirke im Widerstand.
Der Kaffee von Mut Vitz schmeckt nicht nur ausgezeichnet, er gibt Dir auch die Möglichkeit, die zapatistische Bewegung direkt zu unterstützen!
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Verkaufsstellen.
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Literatur
- Luz Kerkeling: La Lucha sique - Der Kampf geht weiter. 2003: Unrast Verlag, Münster
- Marta Durán, Massimo Boldrini: Acteal - Chiapas: Weihnachten in der Hölle.; Atlantik Verlag, Münster
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Links:
Chiapas.ch
EZLN-Page
Acteal ist nicht vergessen (Indy.de)
Enlace Civil, unterstützt zapatistische Gemeinden
Frente Zapatista de Liberación Nacional
FRAYBAR, Menschenrechtszentrum in San Cristóbal
Indymedia aus Chiapas. Aktuell und unabhängig. Spanisch / englisch.
Menschenrechte in Mexiko
LA JORNADA, Linke Tageszeitung
Kampagne der Erklärung von Bern
Chiapas-Soli-Komitée, Barcelona
Gruppe B.A.S.T.A. aus Münster
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Meldungen:
19.05.05: Rebel Soccer
07.03.05: Indigene Autonomie wächst außerhalb von Chiapas
14.05.05: Fox soll Auskunft über Unterstützung der Armee für Paramilitärs geben
16.10.04: Der autonome Impfausweis
Rebel Soccer
taz
19. Mai 2005
Die Zapatisten in Mexiko haben den Fußballclub Inter Mailand herausgefordert. Eine geniale Idee, findet Inter
Vielleicht ist dem Subcomandante Marcos einfach langweilig geworden im Lakandonischen Urwald von Chiapas. Elf Jahre führt Marcos nun schon die zapatistische Rebellion im Süden Mexikos. Und weil das Militär die Aufständischen seiner EZLN, der Zapatistischen Armee zur Nationalen Befreiung, zurzeit zumindest halbwegs ungestört ihre autonomen Gemeinden aufbauen lässt, versucht sich Marcos in Nebenbeschäftigungen: zuerst als Krimiautor, nun als Fußballer.
Mit Inter Mailand hat Marcos den Tabellendritten der italienischen Liga zu einem Freundschaftsspiel herausgefordert. Der Rebellenchef will mit einer Auswahl der EZLN (Spielkleidung: schwarze Stutzen, schwarze Trikots und schwarze Gesichtsmaske) gegen den europäischen Spitzenklub antreten. "Angesichts der großen Sympathie, die wir für euch empfinden, sind wir bereit, euch nicht total abzufertigen, sondern nur mit einem Tor zu besiegen", schreibt Marcos in der mexikanischen Zeitung La Jornada.
Beziehungen zwischen Inter Mailand und den Zapatisten bestehen bereits seit dem vergangenen Jahr. Der argentinische Inter-Kapitän Javier Zanetti hatte eine Initiative zur Unterstützung medizinischer Projekte im Rebellengebiet angeregt, die Spieler spendeten sogar Geld aus der Mannschaftskasse. Auf offiziellem Briefpapier des Vereins bekundete die Mannschaft Solidarität mit den Rebellen, die sich für die Rechte der indigenen Bevölkerung in Chiapas einsetzen.
Auch einem Freundschaftsspiel scheint Inter nicht völlig abgeneigt: Team-Manager Bruno Bartoluzzi sprach laut La Jornada von einer "genialen Idee", die allerdings noch konkretisiert werden müsse. Auch Inter-Sprecher Andrea Butti bestätigte der taz, dass man die Einladung "nicht abgelehnt" habe. Entschieden sei allerdings noch nichts.
Probleme dürfte vor allem die Suche nach einem Spielort bereiten: Die Spieler der EZLN haben noch nie außerhalb von Chiapas gespielt. Im Fall einer Ausreise müssten sie mit Verhaftung oder zumindest einem Verbot der Rückreise nach Mexiko rechnen. Mailands Giuseppe-Meazza-Stadion fällt deshalb ebenso als Austragungsort aus wie das Azteken-Stadion von Mexiko City, das die mexikanische Regierung wohl kaum als Bühne für die Staatsfeinde zur Verfügung stellen wird. "Es gibt noch keine konkreten Pläne", sagt Inter-Sprecher Butti.
Die Fans der EZLN sind sich jedenfalls sicher, dass ein subversives Show-Match gegen die Inter-Millionäre der Rebellion dienen würde. Die deutsche Soli-Gruppe Basta schreibt: "Egal wie das Spiel ausgehen wird, der größte moralische Verlierer wird gewiss die mexikanische Regierung sein."
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Indigene Autonomie wächst außerhalb von Chiapas
Gruppe B.A.S.T.A
07. März 2005
Michoacán/Mexiko: Sechs Gemeinden deklarieren ?autonomen zapatistischen
Landkreis? - 1000 Kilometer entfernt von Chiapas
In Mexiko setzt die indigene Bevölkerung ihre Autonomieprojekte fort. Nach übereinstimmenden Meldungen verschiedener mexikanischer Medien haben sechs Gemeinden im Bundesstaat Michoacán am 4. März die offizielle Anerkennung ihres ?autonomen zapatistischen Landkreises? gefordert, den sie am 1. Januar 2005 zeitgleich mit dem 11. Jahrestag des Aufstands der EZLN in Chiapas ausgerufen hatten.
Der Tageszeitung "El Universal" zufolge wandten sich die Sprecher der Gemeinde Nurío, Juan Torres Lázaro und Isidro Zacarías, mit ihren Forderungen an Enrique Bautista, den Regierungsminister des am Pazifik gelegenen zentralmexikanischen Bundesstaates. "Nurío strebt danach, dass die föderalen und bundesstaatlichen Ressourcen direkt an die Gemeinde fließen und dort von einem Rat verwaltet werden, den die Versammlung zu diesem Zweck bestimmt hat. Er wird mit kollektiver Entscheidungsfindung arbeiten, als Symbol für Demokratie und Gerechtigkeit."
Nurío war bereits im März 2001 in die Schlagzeilen geraten, als die Kommandantur der zapatistischen Befreiungsarmee EZLN dort während ihrer Karawane für die Rechte der ndígenas am dritten "Nationalen Indigenen Kongress" (CNI), dem einzig unabhängigen mexikoweiten Gremium der 56 indigenen Bevölkerungsgruppen, teilnahm. Gemeindebewohner Octavio Castillo begründete die Entscheidung für die Autonomie damit, dass "sich keine Regierung so um die Gemeinde gekümmert hat, wie es geplant war. Sie haben die Bevölkerung nur benutzt, um im Namen der Gemeinschaft Ressourcen zu plündern." Die politischen Institutionen seien zur Gemeinde gekommen, um sich als Parteien zu bereichern und nicht, um die Bewohner zu unterstützen.
Nach Angaben der linken Tageszeitung La Jornada vom 5. März ist noch unklar, wie sich der Autonomieprozess entwickelt, in dem sich sowohl enttäuschte Anhänger der sozialdemokratischen PRD als auch radikalere Kräfte aus dem CNI-Umfeld als Protagonisten engagieren. Letztere fürchten, dass eine "Hau-ruck"-Autonomie in den Nachwirren der umstrittenen Wahl vom vergangenen November nicht weit genug gehen könnte und stehen für die zapatistischen Prinzipien.
Mindestens sechs Gemeinden aus dem offiziellen Bezirk Paracho wollen eine Parallelstruktur zur neuen Landkreisregierung von Medardo Alejo aufbauen. Alejo gehört der Institutionellen Revolutionären Partei PRI an, die Mexiko 71 Jahre lang regierte, für Repression und Korruption bekannt ist und weiterhin über erheblichen Einfluss verfügt. Die bundesstaatliche PRD-Regierung wollen die rebellischen Purépecha-Indígenas bis auf weiteres tolerieren.
Nach Angaben der Organisation "Nación Purépecha" fordern mindestens 25 indigene Gemeinden in Michoacán ihr Recht auf Selbstverwaltung. Aktivist Abundio Marcos erinnerte am 4. März in der Zeitung "El Cambio" an das Versprechen des Gouverneurs Lázaro Cárdenas (PRD), dass die
Indígena-Gesetzgebung in Michocán die fortschrittlichste das Landes werden solle. Cárdenas hatte im Wahlkampf zugesagt, die Abkommen von San Andrés über indigene Rechte, die 1996 von EZLN und Regierung unterzeichnet worden waren, respektieren zu wollen. Die Abkommen, die seitdem von keiner Regierung umgesetzt wurden, garantieren den Indígenas die Selbstverwaltung ihrer Ländereien, Medien, Ressourcen und Bodenschätze und orientieren sich an der Konvention 169 der ILO, die Mexiko bereits 1990 unterzeichnet hatte.
Die Hochburg der Indígena-Bewegung liegt weiterhin in Chiapas, dort sind mehrere Hunderttausend Menschen in 30 autonomen Landkreisen organisiert, wobei der Soziologe Onesimo Hidalgo vom Forschungszentrum CIEPAC aus San Cristóbal im Gespräch mit jW davon ausging, dass rund 10 weitere existieren und aus Sicherheitsgründen verdeckt operieren. Die zapatistischen Landkreise akzeptierten allerdings keinerlei Zuwendungen vom Staat.
Dass das indigene Konzept von Basisdemokratie und kollektiver Ressourcennutzung dem parteiübergreifenden politischen Mainstream diametral gegenübersteht, zeigte sich am vergangenen Wochenende: Dort traf die PRI die Entscheidung, die bisher noch mehrheitlich staatlichen Sektoren Öl und Elektrizität für privates Kapital zu öffnen. Dieser historischen Kehrtwende in Richtung vorrevolutionärer Zeiten applaudierte die Partei der Nationalen Aktion (PAN) des amtierenden Präsidenten Vicente Fox stante pede.
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Fox soll Auskunft über Unterstützung der Armee für Paramilitärs geben
poonal
14. Februar 2005
(Mexiko-Stadt, 14. Februar 2005, púlsar-poonal).- Die Interamerikanische Menschenrechtskommission CIDH (Comisión Interamericana de Derechos Humanos) will sich an den mexikanischen Präsidenten Vicente Fox wenden, um Aufklärung über die mutmaßliche Beteiligung der mexikanischen Armee an der Bildung paramilitärischer Gruppen im Bundesstaat Chiapas zu verlangen. Das Menschenrechtszentrum Fray Bartolomé de las Casas bezichtigte vor der Kommission den Ex-Präsidenten Ernesto Zedillo, in seiner Eigenschaft als oberster Befehlshaber der Armee Verbrechen gegen die Menschlichkeit begangen zu haben.
Das Menschenrechtszentrum, dessen Vorsitz der ehemalige Bischof von San Cristóbal de las Casas, Samuel Ruiz, inne hat, präsentierte der Kommission als Beweis fünf Mordfälle und drei Fälle von "Verschwindenlassen". Verantwortlich für die Verbrechen war die paramilitärische Gruppe "Paz y Justicia" ("Frieden und Gerechtigkeit"), die zwischen 1995 und 2000 bewaffnet gegen das Zapatistischen Befreiungsheer EZLN nahestehende indigene Gemeinden vorgingen. Der Leiter des Zentrums Michael Chamberlain erklärte, dass sich die Anzeige auf die Aussage eines ehemaligen Paramilitär stütze und die systematischen Angriffe gegen die chiapanekische Zivilgesellschaft thematisiert. Angeklagt werden gewaltsame Vertreibungen, Hinrichtungen, Verschwindenlassen von Menschen und Folterungen. Die Aussage eines Ex-Kommandanten der paramilitärischen Gruppe habe bestätigt, dass der Staat die Aufstellung und Finanzierung dieser Gruppen mitgetragen habe.
Die Aussage des ehemaligen paramilitärischen Befehlshabers mache deutlich, dass das mexikanische Heer mit Paramilitärs in drei Regionen von Chiapas zusammengearbeitet und in ihrer Organisierung und bei ihren Planungen unterstützt habe. Ziel war, die Verbindungen zwischen der Bevölkerung und den aufständischen Zapatisten zu zerschlagen. Die Aussage bestätigte die direkte Beteiligung des damaligen Befehlshabers der in der Region stationierten 7. Einheit des mexikanischen Militärs Mario Renán Castillo an der Unterstützung der Paramilitärs. Die Einheit Castillos hatte ihre Basis in Tuxtla Gutiérrez im Bundesstaat Chiapas, Castillo selbst wurde im US-amerikanischen Fort Bragg in psychologischer Kriegsführung und Counterinsurgency-Strategien ausgebildet.
Zudem hat der Zeuge nach Angaben des Menschenrechtsbüros bestätigt, dass "Paz y Justicia" für den Hinterhalt auf den damaligen Bischof der Diözese San Cristobal de las Casas Samuel Ruíz García im November 1997 verantwortlich war. Der Geistliche, der sich seit Jahrzehnten für die Rechte der indigenen Bevölkerung einsetzt, wurde von einer bewaffneten Gruppe angegriffen, kam aber unverletzt davon. "Wir hatten 80 Waffen dabei", erinnert sich der Ex-Paramilitär, aber der General Juan Bautista habe den Befehl gegeben, das Auto durch die Militärkontrolle passieren zu lassen. Bautista sei bestens über Ort und Zeitpunkt des Angriffes informiert gewesen, da er an der Planung beteiligt gewesen sei, sagte der Zeuge, dessen Identität aus Sicherheitsgründen geheim gehalten wird.
Die Menschenrechtler aus der chiapanekischen Provinzhauptstadt San Cristóbal de las Casas machen "Paz y Justicia" für die Ermordung und das "Verschwindenlassen" von mindestens 122 Menschen zwischen 1995 und 2000 verantwortlich. Etwa 12.000 Menschen, hauptsächlich Indígenas, wurden durch den schmutzigen Krieg der paramilitärischen Banden "Paz y Justicia", "Los Chinculines" und "Mácara Roja" aus ihren Dörfern vertrieben.
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Der autonome Impfausweis
Direkte Solidarität mit Chiapas
16. Oktober 2004
Seit einem Jahr sind die zapatistischen 'Juntas de Buen Gobierno' (Räte der Guten Regierung) im Amt. Eine Zwischenbilanz anhand der Communiqués der EZLN und der eigenen Erfahrungen in der Zusammenarbeit mit den Zapatistas.
'La Realidad: Am Eingang, in welchem der Rat der Guten Regierung namens 'Hacia la Esperanza' untergebracht ist, steht eine kleine Klinik, ein grün angemaltes Holzhäuschen. Einige Leute stehen um das Haus herum. Auf Kartontafeln wird, neben dem Beschrieb von verschiedenen Verhütungsmethoden, eine Kampagne zur Impfung von Kindern und Erwachsenen angekündigt. 'Wir bekämpfen Diphtherie und Tetanus', verkündet stolz der Gesundheitsverantwortliche, ein Indigener mittleren Alters, der Buch über die betreuten Personen führt. In der Warteschlange halten die Frauen die autonomen Impfausweise ihrer Kinder in der Hand.?
Mit dieser Alltagsszene aus La Realidad beginnt Gloria Muñoz ihren Bericht über den Widerstand in den fünf zapatistischen Zentren 'Caracoles' genannt. Gloria, welche ihr Buch (EZLN: 20+10 Das Feuer und das Wort) über die zapatistische Bewegung Ende Oktober 04 in Zürich präsentieren wird, ist eine von zahlreichen KommentatorInnen, die nach einem ersten Jahr der neuen offenen Autonomiestrukturen der Zapatistas versuchen, eine Bilanz zu ziehen. Auch Subcomandante Marcos meldete sich nach längerer Abwesenheit wieder zu Wort und beschrieb in einem achtteiligen Communiqué die Fortschritte und Herausforderungen der neuen indigenen Regierungen im Aufstandsgebiet.
Marcos thematisiert die eingestandenermassen schwache Frauenpartizipation in den zapatistischen Regierungsstrukturen, die Gesetze gegen Umweltzerstörung, die eigene Gerichtsbarkeit mit zahlreichen Fallbeispielen und die partielle Zusammenarbeit mit der chiapanekischen Bundesregierung. Aber auch soziale Fragen, zu welchen sich die Zapatistas bisher kaum äusserten, werden benannt. So die Migration und der damit verbundene Menschenhandel, welcher auch durch zapatistisches Gebiet führt. Ausführlich werden die Hauptforderungen der Zapatistas beleuchtet: Bildung, Gesundheit und die Verwaltung der Territorien, was auch indigene Rechtssprechung einschliesst. Anhand einiger illustrativer Beispiele aus den Texten und Communiqués rund um das einjährige Jubiläum der ?Juntas de Buen Gobierno? (JBG) soll die zapatistische Praxis beleuchtet werden.
(Sich) Regieren als kollektiver Lernprozess
Gleich zu Beginn der Communiqués geht Marcos auf Kritiken der Zivilgesellschaft an den neuen zapatistischen Regierungsstrukturen ein. Denn diese regionalen Gremien, in denen je zwei Delegierte der autonomen Bezirke Einsitz haben, rotieren alle ein bis zwei Wochen. So lösen sich Regierungsteams in den fünf regionalen Hauptorten der Zapatistas ab. Häufig bedingt diese Rotation ein mehrfaches Erklären derselben Vorschläge und Ideen, die an die Zapatistas herangetragen werden. ?Wenn wir uns endlich mit einer Equipe des Rates verständigt haben, dann wechselt diese und wir können wieder von vorne anfangen.?, so das Lamento der 'sociedades civiles', insbesondere der NGO?s. Laut Subcomandante Marcos liegen die 'Zivilgesellschaften' jedoch falsch, wenn sie darin einen Fehler der Strukturen sehen: ?Der Zweck ist, dass die Aufgabe des Regierens nicht ausschließlich einer Gruppe vorbehalten ist und es keine "professionellen" Anführer gibt, damit so viele Menschen wie möglich sie erlernen können und damit wird die Vorstellung zurückgewiesen, dass das Regieren nur von "besonderen Menschen" ausgeführt werden kann. (...) Eine gründliche Analyse wird zeigen, dass dies ein Prozess ist, in dem ganze Dörfer lernen zu regieren.? Die Rotation verhindere zudem die Korruption. Sie ermöglicht den Regierenden, welche diese Aufgabe als freiwillige, unbezahlte Gemeindearbeit (in den indigenen Kulturen 'cargo' genannt) verrichten, nebenher weiterhin ihre Felder zu bestellen. Dennoch ist wohl unbestritten, dass diese Art von 'Milizverwaltung' den Nachteil einer Schwerfälligkeit hat, die für BesucherInnen eine Geduldsprobe darstellt.
Doch zwei Fehler gibt Marcos freimütig zu: Der erste Fehler ist die sehr geringe Partizipation der Frauen an den 'Juntas de Buen Gobierno' (kurz: JBG). Regierungsarbeit bleibt immer noch den Männern vorbehalten. Wir wollen kein "empowerment" der Frauen, so wie es in den oberen Schichten Mode ist, sondern es fehlt in der JBG immer noch der Raum, in dem die starke Partizipation der Frauen in der sozialen zapatistischen Basis ihren Ausdruck findet. Und nicht nur das. Obwohl zapatistische Frauen im Widerstand eine fundamentale Rolle hatten und haben, ist die Achtung ihrer Rechte in einigen Fällen bloss eine Absichtserklärung auf Papier. Die Gewalt in der Familie hat abgenommen, das ist wahr, aber mehr durch die Einschränkung des Alkoholverbrauchs, als durch eine neue Familien- und Geschlechterkultur.? Konkrete Vorschläge zur stärkeren Beteiligung der Frauen an den Regierungsstrukturen fügt der Sprecher der EZLN jedoch nicht an.
Der zweite Mangel ist der militärische Einfluss der Guerilla EZLN auf diese zivilen zapatistischen Strukturen: ?Die Tatsache, dass die EZLN eine politisch-militärische und klandestine Organisation ist, korrumpiert immer noch Prozesse, die demokratisch sein sollten und müssen. In einigen JBG und Caracoles trafen Kommandanten des CCRI (Kommandantur der EZLN) Entscheidungen, die ihnen nicht zustanden und mischten sich in Probleme der JBG ein. 'Gehorchend regieren' ist ein Anspruch, der weiterhin gegen Wände stösst, die wir selbst errichtet haben.? Der Widersprüchlichkeit, aus einer bewaffneten Aufstandsarmee hinaus die zivile Verwaltung der indigenen Autonomie zu kreieren, ist sich Marcos und die EZLN sehr wohl bewusst. Wie schwer der militärische Schatten der Guerilla tatsächlich auf den JBG lastet, ist von Aussen schwer zu beurteilen.
Nach dem Eingeständnis dieser beiden Mängel der zapatistischen Strukturen bedankt sich Marcos in seinem Rechenschaftsbericht für die nationale und internationale Unterstützung. Die Ein- und Ausgaben der fünf zapatistischen Regionen werden offengelegt. Insgesamt haben die JBG in diesem ersten Jahr ihres Bestehens, also von August 2003 bis August 2004, rund zwölf Millionen Pesos (1.3 Mio. CHF) durch Spendengelder eingenommen und 10 Millionen (1.1 Mio. CHF) ausgegeben. Und dies nicht für Löhne, Spesen oder andere ?cajas chicas? (mexikanisch für Korruptionskassen) der Regierungsverantwortlichen, sondern für die diversen Projekte der Regionen. Genaue Abrechnungen pro Region können in den Caracoles eingesehen werden.

Entwicklung von unten
Autonome Projekte schiessen momentan regelrecht aus dem Boden. Es vergeht kaum eine Woche, in der nicht ein Ausbildungszentrum für Lehrer, eine Gesundheitsstation oder eine Primarschule eingeweiht wird. Dabei sind von Projekt zu Projekt grosse Unterschiede in der Realisierung auszumachen. Im Bereich der Gesundheit erwies sich beispielsweise die Inbetriebnahme des Spitals in San José del Rio als ungemein mühsam. Tausende von Freiwillige erstellten zwar den grossen Bau in drei Jahren, doch ein funktionierendes Spital besteht eben nicht nur aus Zement und Gerätschaften. Es müssen die Personen vorhanden sein, welche die Apparaturen auch warten und bedienen können und welche medizinische Grundkenntnisse aufweisen.
Auch in diesem Fall erwies sich das zapatistische System der 'cargos', der unbezahlten Gemeindeaufgaben, als sehr träge: Oft wurden die Ausbildungen zum Gesundheitsverantwortlichen abgebrochen oder die Kurse zwar beendet, aber die Schüler wandten ihr Wissen nachher nicht an, da sie aus purer Not zurück auf ihre Felder mussten. Dennoch scheint die Struktur des Spitals inzwischen soweit gefestigt zu sein, dass drei Frauen und drei Männer ehrenamtlich fest tätig sind und von den Gemeinden mit dem Lebensnotwendigen unterstützt werden. Diese neuen, unbefristeten 'cargos' stellen eine Neuinterpretation der bisherigen Rotation dar (die sich so auch in anderen Projekten der Zapatistas manifestiert, beispielsweise bei den Kaffeekooperativen). Nach sieben Jahren Aufbautätigkeit fand in San José del Rio am 1. August 2004 die erste Operation in diesem Spital mitten im Dschungel statt. Auch werden hier die 118 Gemeindeverantwortlichen der Region im Bereich Gesundheit aus- und weitergebildet.
Das zapatistische Gesundheitssystem kennt noch einen zweiten grossen Spital, die 'Guadalupana' in Oventik. Dort stimmen die Erfahrungen nach elf Jahren Betrieb um einiges optimistischer. Über hundert Kranke werden täglich behandelt. Auch Nicht-Zapatistas nehmen die Gesundheitsleistungen der Zapatistas gerne in Anspruch. Schliesslich machen sie erstens dieselben Erfahrungen rassistischer Diskriminierung im offiziellen Gesundheitssystem und können sich zweitens auch die hohen Kosten der offiziellen Medizin kaum leisten. In den zapatistischen Spitälern, die in den Bezirken durch sogenannte 'Mikrokliniken' und in den Gemeinden mit Gesundheitsposten ergänzt werden, können die PatientInnen mit sehr geringen Kosten für Medikamente und Gratisbehandlung rechnen.
Das Schulwesen der Zapatistas hat oft mit ähnlichen Schwierigkeiten zu kämpfen: Die zu Lehrkräften ausgebildeten Personen nehmen grosse persönliche Entbehrungen auf sich. Viele verlassen das 'cargo' als Lehrer wieder. Denn, wie Gloria Muñoz schreibt: ?Alle zapatistischen Gemeindearbeiter bekommen keinen Gehalt irgendwelcher Art. Nur die Dörfer unterstützen sie mit Lebensmitteln und Fahrgeldentschädigungen.? Hinzu kommt, dass viele Lehrkräfte über die fehlende Wertschätzung ihrer Arbeit klagen: Den Bauern fehlt oft die Vorstellung davon, wie mühsam und aufreibend die Arbeit eines Lehrers, eines Kooperativenvorstands oder eines Gesundheitsverantwortlichen sein kann. Da diese nicht mit ihren Händen arbeiten und abends nicht dreckig und verschwitzt von ihrer Arbeit nach Hause kommen, werden sie gar als Faulenzer belächelt. Dementsprechend dürftig fällt oft die 'gegenseitige Hilfe' (in Form von Naturalien und Arbeitsleistungen auf dem Feld des 'cargo' - InhaberInnen) aus, welche nach zapatistischer Ideologie das 'cargo'-System tragen sollte.
Doch trotz dieser Widerstände sind auch im Bildungsbereich die Fortschritte der letzten Monate beachtlich: 'Die Eröffnung von 83 neuen autonomen Primarschulen (...) im Rahmen des 'Sistema Educativo Autónomo Revolucionario Zapatista de Liberación Nacional (SEARZLN) wurde möglich durch den Ausbildungsabschluss einer neuen Generation von Lehrern, welche in der rebellischen Sekundarschule 'Primero de Enero' in Oventik ausgebildet wurde. Dies ist die erste zapatistische Sekundarschule. Ein weiteres Lehrer-Ausbildungszentrum befindet sich im Caracol Roberto Barrios, in welchem die fünfte Lehrergeneration ausgebildet wird. Ferner ist dieser Region 2003 ein sechsräumiges Schulhaus für Sekundarschulunterricht eingeweiht worden. Das zapatistische Schulsystem bietet damit eine Alternative nicht nur für die Region, sondern für das ganze Land '...und einmal mehr sind die Besitzlosen jene, welche einen Ausweg aufzeigen', wie Luis Javier Garrido in Anspielung auf die Privatisierung des Bildungswesens in Mexiko meint.
Trotz freiwilliger Gemeindearbeit und tiefen Kosten, ohne die ökonomische Unterstützung von Aussen wäre der Aufbau dieser autonomen Gesundheits- und Bildungssysteme wohl kaum finanzierbar. Die 'politisch aktive Zivilgesellschaft' ist in den Worten von Marcos die ?dritte Schulter? auf welche die Zapatistas zählen können. Der Subcomandante bedankt sich für diese Unterstützung durch ökonomische Mittel aber auch durch Mitarbeit in Entwicklung und Realisierung der Projekte. Nach wie vor nehmen die Zapatistas kein Geld von der Regierung an auch wenn das Verhältnis zur chiapanekischen Regierung von Pablo Salazar als entspannt bezeichnet werden kann. Ein Beispiel dafür ist das Schulsystem. Der chiapanekische Schulminister, Alfredo Palacios Espinosa, meint gar, die zapatistischen Schulen seien willkommen: ?Wenn sie Lerninstitute sind mit dem Ziel, Schreiben und Lesen zu fördern, scheint uns dies sehr gut im Kampf gegen den Analphabetismus. Wenn sie andere Ziele verfolgen, dann können wir dazu nichts sagen, aber was sich auf die Erziehung bezieht, ist willkommen?. Damit verrät er allerdings auch gleich seine Vision einer funktionierenden Schule: Das stumpfe Vermitteln von Lesen und Schreiben, das im trägen mexikanischen Schulwesen häufig mit Auswendiglernen und militärischem Drill wie Fahnenappellen einhergeht. Zur Selbstständigkeit wird in der offiziellen Schule kaum jemand erzogen.
Autonome Gerichtsbarkeit
Die Rechtsprechung ist eine der komplexesten Aufgaben der JBG. So hat zum Beispiel die JBG im Caracol 'La Garrucha' im ersten Jahr der neugeregelten autonomen Struktur in 22 Konfliktsituationen vermittelt, wie Hermann Bellinghausen in der Jornada schreibt. Dabei wurden 17 Fälle gelöst, 4 sind noch hängig und nur ein Fall führte zu keiner Lösung. Anzumerken ist, dass es sich bei den gelösten Fällen auch um Konflikte zwischen Zapatistas und ihnen feindlich gesinnten, teilweise sogar paramilitärischen Organisationen handelte. Diese JBG hatte Fälle zu lösen wie zum Beispiel den Diebstahl von neun Pferden, vier Sätteln und einer Motorsäge in Ocosingo. Auch wurden einige Zapatistas bestraft, welche Mitglieder anderer Organisationen angegriffen hatten. Das Transportsystem der Sammeltaxis und die Vergabe der Routen ist ein Dauerbrenner in diesen Dschungeltälern: Die JBG von La Garrucha hat deshalb zwischen verschiedenen Transportfirmen vermittelt und 186 Vehikeln eine Zulassung erteilt.
Bei den Zapatistas steht in der Rechtsprechung nicht die Bestrafung im Vordergrund, sondern die Suche nach einer konstruktiven Konfliktlösung mit Lerneffekt und Wiedergutmachung des Schadens. In den autonomen Gebieten wird die Zuständigkeit der zapatistischen Rechtsprechung von der Regierung Salazar anerkannt. Teilweise kommt es gar zu einer Zusammenarbeit: Ermitteln und sammeln von Beweisen durch die Zapatistas, verfolgen und bestrafen durch Regierungsbehörden. Anfang Juli 04 wurde im Bezirk Chilón im Zuge einer gewalttätigen Auseinandersetzung zwischen Zapatistas und einer anderen Organisation ein Mädchen einer zapatistischen Familie von drei politischen Widersachern vergewaltigt. Marcos schreibt dazu: ?Im Falle von Chilón, wo im Zuge einer Auseinandersetzung zwischen Zapatistas und Nicht-Zapatistas ein 11-jähriges Mädchen vergewaltigt wurde, konnte die Ursache des Konflikts beigelegt werden. Die Daten der Vergewaltiger (inklusive medizinischer Analyse, welche die Vergewaltigung des Mädchens dokumentieren) wurden an die zuständigen Behörden weitergegeben (...) und nichts geschah (wenigstens bis zu dem Tag, an dem ich dies schreibe). Die Vergewaltiger sind auf freiem Fuss, obwohl sie nicht mit dem Rückhalt ihrer Organisation zählen können (welche sich vom Verbrechen distanziert).? Nachdem Subcomandante Marcos diese Passivität der offiziellen Behörden verurteilt hatte, verhafteten einen Tag später 24 Polizisten die Täter.
Diese Zusammenarbeit zwischen autonomen und bundesstaatlichen Behörden ist keine völlig neue Entwicklung. Als Anfang 2000 in Chavajebal (El Bosque) vier Mitglieder der Kaffeekooperative Mut Vitz beraubt und umgebracht wurden, lieferten die Zapatistas den offiziellen Behörden die Beweise und die Namen der Täter. Dabei forderten sie die Behörden ultimativ zum Handeln auf, ansonsten sähen sie sich zu Selbstjustiz gezwungen. In Übereinkunft mit den autonomen Behörden verhaftete ein grosses Kontingent von Polizisten die Täter tags darauf. Es scheint, dass Kapitalverbrechen die zapatistische Strafverfolgung überfordern und die indigenen Autonomiebehörden sich dann an die staatlichen Behörden richten müssen. Es ist positiv zu bemerken, dass die autonomen Behörden dadurch die frühere Straflosigkeit in der Region stark einschränken konnten, wie Marcos schreibt: ?Im Unterschied zu früheren Jahren haben die Konflikte zwischen Gemeinden und Organisationen auf dem Gebiet der JBG abgenommen, Kriminalität und Straflosigkeit gingen zurück. Die Konflikte wurden gelöst, nicht nur einzelne Konfliktpartner bestraft. Wenn Ihr mir nicht glaubt, so schaut nach in den Archiven, in den Gerichten, in den Ministerien, in den Gefängnissen, in den Spitälern und auf den Friedhöfen. Vergleicht früher und jetzt und zieht eure Schlüsse.?
Interessant in der Auseinandersetzung um Rechtsprechung ist insbesondere, dass es den Zapatistas in ihrer 'Autonomie ohne Erlaubnis' gelingt, die Behörden zu einer Zusammenarbeit zu zwingen: ?Die EZLN ist den Weg gegangen, sich vor der Regierung des Bundesstaates zu legitimieren, indem sie diese nicht direkt konfrontiert, sondern sie geschickt zu Verhandlungen auf ihrem eigenen Territorium und mit ihren eigenen Autoritäten zwingt?, meint Onesimo Hidalgo dazu. Früher, vor der zapatistischen Rebellion, machten die Indígenas in unterwürfiger Haltung Bittgänge zur Regierung und wurden kaum angehört. Heute kommt die Regierung in die Caracoles und verhandelt mit den indigenen Räten!
Und die Politik?
Autonomie heisst schwierige Alltagssituationen selbständig meistern. Fragt sich, ob die Zapatistas nicht die politische Perspektive ihres Kampfes hinten anstellen. Mit den JBG wurde wohl lokal eine Isolation der Zapatistas durchbrochen: Die zapatistische Bewegung hat durch die autonomen Räte an Zugänglichkeit und Legitimität gewonnen und steht wieder im Dialog mit anderen Bauern-Organisationen. Viele Zapatistas sollen aktiv ins 'mandar obedeciendo', das gehorchende Regieren, einbezogen werden. Auch werden die Budgets der JGB offengelegt, der ganze Prozess des Regierens soll transparent sein. Die neuen Autonomiestrukturen hängen stark von der zapatistischen Basis ab: die häufig rotierenden Ämter kosten viel Einsatz, wohlgemerkt unentgeltlichen, nur durch das zapatistische Bewusstsein motiviert. Überschätzen da die Zapatistas nicht die Fähigkeiten und Ressourcen der Basis, die zuallererst mit dem täglichen Überleben beschäftigt ist?
Die Konzentration auf die regionale autonome Praxis kann als ein Zeichen dafür angesehen werden, dass sich die Zapatistas mit der Regierung arrangiert haben, wie Guillermo Almeyra in der ?La Jornada? den Zapatistas vorwirft. Fährt die EZLN eine Strategie der Entspannung, während sie gleichzeitig verbal weiter gegen die mexikanische 'classe politique' donnert? Sind die zapatistischen JBG einfach der 'Wurmfortsatz eines staatlichen Apparates, um soziale Konflikte zu reduzieren und zu domestizieren'? Ignoriert diese 'friedliche Koexistenz' nicht, ?dass das Land besetzt wurde, um das Recht des kapitalistischen Eigentums dem überlegenen sozialen und kollektiven Recht auf Überleben unterzuordnen?, fragt Almeyra in der Jornada.
Ein Beispiel für die pragmatische Herangehensweise der Zapatistas ist, dass in ihrem Einflussgebiet die letzten Wahlen nicht mehr aktiv boykottiert wurden. Auf die offizielle Anfrage der bundesstaatlichen Wahlbehörde an die JBG, ob sie Wahlurnen aufstellen dürften, antworteten die JBG ebenfalls mit offiziellen, aber autonomen Dokumenten: ?Wir glauben zwar nicht daran, dass staatliche Wahlen ein wirklicher Pfad für die Interessen des Volkes darstellen, aber wir wissen, dass einige Menschen sie noch als einen Weg betrachten, um die Probleme des mexikanischen Volkes zu lösen.? Allerdings würden die JBG allfällige zapatistische und nicht-zapatistische Gemeinden, welche die Aufstellung von Wahlurnen ablehnten, in ihrem Wahlboykott unterstützen. So fanden dann Ende September 04 Regionalwahlen in ruhigem Klima statt nicht zuletzt deshalb, weil die Wahlbeteiligung im Aufstandsgebiet sehr tief war.
Den Zapatistas kann vorgeworfen werden, sie konzentrierten sich auf den Kleinkram in ihren autonomen Gemeinden und liessen die nationale Perspektive ausser Acht. Marcos bezeichnet die autonomen Gebiete als 'kleine Inseln, die trotz des neoliberalen Hurrikans bestehen'. Diese Inseln haben wohl nur eine Zukunft, wenn die Autonomie Schule macht, wenn in weiteren indigenen Regionen Mexikos die Autonomie in die Praxis umgesetzt wird Und wenn sich auf der Grundlage dieser lokalen Autonomie-Erfahrungen der Widerstand gegen die Privatisierung der natürlichen Ressourcen, gegen drohende Vertreibungen (wie in den Montes Azules im lakandonischen Urwald) und gegen weitere neoliberale Angriffe verstärkt.
Bibliographie:
Die Jornada-Artikel von Guillermo Almeyra (?Algunas preguntas a Marcos?), Hermann Bellinghausen, Luis Hernández Navarro (Desarrollo desde abajo?), Luis Javier Garrido (?La educación zapatista?) und Gloria Muñoz (?Chiapas La resistencia?) sind auf www.chiapas.ch dokumentiert (unter "articulos en español"). Auch die Communiqués von Subcomandante Marcos (?Leer un video?) sind hier zu finden. Das CIEPAC-Bulletin von Onecimo Hidalgo (?Los actores y el proceso electoral en Chiapas?) kann man auf www.ciepac.org nachlesen.
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