Der Krebstod von mindestens sechs italienischen Soldaten ist der italienischen Nachrichtenagentur AGI zufolge auf die Verwendung uranhaltiger US-Munition auf dem Balkan zurückzuführen. Die Agentur berief sich in ihrer Meldung am Samstag auf den Bericht einer von der Regierung eingesetzten militärischen Expertenkommission. Es wäre das erste Mal, daß in einem offiziellen Bericht ein solcher Zusammenhang hergestellt wird. Die Agentur zitierte den Vorsitzenden des Nationalen Überwachungsinstituts zum Schutz des Militärpersonals, Feldwebel Domenico Leggiero, mit den Worten, der Tod der Soldaten könne »offiziell mit den Umständen auf dem Balkan in Verbindung gebracht werden«. Der Tod zweier weiterer Soldaten werde noch untersucht. Die betroffenen Soldaten waren alle auf dem Balkan stationiert. Das italienische Verteidigungsministerium kündigte einen Strahlentest für alle Soldaten an, die auf dem Balkan stationiert waren.
Dortselbst haben inzwischen serbische Wissenschaftler die Hinterlassenschaften der NATO unter die Lupe genommen: Kaum hat Snezana Pavlovic das Glas mit dem unscheinbaren Erdklumpen geöffnet, schlägt der Geigerzähler in ihrer Hand aus - immer stärker. Hochgefährlich ist diese Erde, ist sich die jugoslawischeWissenschaftlerin sicher. Verseucht von der NATO. Die Bodenprobe hatPavlovic unmittelbar an der Verwaltungsgrenze zum Kosovo entnommen.Das strahlende Vermächtnis der NATO ist hochgiftig für die Menschender Region - egal, was das US- Verteidigungsministerium sagt, soPavlovic. Die NATO hat auf dem Balkan Munition mit abgereichertem Uran (DU) eingesetzt: Nach Angaben von Washington wurden 1999 in Jugoslawien 31 000 und in Bosnien in den Jahren 1994 und 1995 rund 18 800 der hochtoxischen und radioaktiven Geschosse abgefeuert.
Bereits nach den NATO-Luftangriffen auf Jugoslawien im Frühjahr 1999 warf die Regierung in Belgrad dem Westen vor, weite Gebiete verseuchter Erde hinterlassen zu haben. junge Welt hatte schon damals darüber berichtet. Vorgelegte Befunde aus Belgrad wurden allerdings vom Westen als Propaganda von Präsident Slobodan Milosevic zurückgewiesen. »Statt immerfort zu wiederholen, wie gering doch die Radioaktivität des abgereicherten Urans auf dem Balkan sei, sollte Amerika zugeben, daß die Region verseucht wurde und daß das giftige Metall Krankheiten hervorrufen kann«, beschwert sich denn auchMilitärexperte Milan Zaric.
Das UN-Umweltprogramm (UNEP) legte Ende der vergangenen Woche einen Zwischenbericht über Untersuchungen des Kosovo-Bodens vor. An mehreren Einschlagstellen von DU-Geschossen sei eine leicht erhöhte Radioaktivität festgestellt worden, berichtete der Chef der UNEP-Mission, Pekka Haavisto. Ebenso seien noch Reste von Geschossen gefunden worden - sie hätten einfach herumgelegen.
Von einem Giftstreifen sprechen die jugoslawischen Behörden. Die Erde werde noch über lange Zeit hinweg verseucht sein, werfen sie dem Westen vor. Schlimmer ist jedoch, daß die Radioaktivität ins Grundwasser gelangt und schließlich über die Nahrung aufgenommen wird, sagt Zaric. »Da die NATO diese Munition gebrauchte, hat sie die moralische Pflicht, dieses Gelände zu säubern«, verlangt Pavlovic.
Aus Spanien wurden am Samstag zwei Todesfälle von Armeeangehörigen gemeldet, die auf dem Balkan stationiert waren. Insgesamt seien sieben spanische Soldaten und ein ziviler Mitarbeiter an Krebs erkrankt, berichteten »El Pais« und »El Mundo«. In Portugal appellierte das Verteidigungsministerium an alle Soldaten, die auf dem Balkan im Einsatz waren, sich bei ungewöhnlichen körperlichen Beschwerden unverzüglich zu einem Strahlentest in Militärkrankenhäusern zu melden. Ein Team portugiesischer Fachleute reiste am Freitag ins Kosovo und nach Bosnien, um Boden, Luft und Wasser zu untersuchen. »Es ist an der Zeit, nicht mehr vollständig auf andere zu vertrauen, wie wir das legitimerweise bisher taten«, erklärte Ministerpräsident Antonio Guterres das Mißtrauen Lissabons mit Blick auf Versicherungen der NATO, das Uran stelle keine Gefahr für die Gesundheit dar. Auch Polen entsandte eine Gruppe von Ärzten ins Kosovo, wie Zeitungen am Samstag berichteten. Sie sollen dort mehr als 600 polnische Soldaten und Polizisten untersuchen und Boden-, Wasser- und Lebensmittelproben entnehmen, sagte ein Militärsprecher der Zeitung Zycie Warszawy.
Auch ein deutscher Soldat erkrankte laut Bild nach einem Einsatz in Bosnien-Herzegowina an Leukämie. Doch bei der Bundeswehr sieht man noch immer keinen großen Handlungsbedarf. Der FDP-Politiker Jürgen Koppelin warf Verteidigungsminister Rudolf Scharping Verschleierung und Abwiegelung vor. Der zu den Berichten über die tödlichen Folgender DU-Munition schweigende Chef der Hardthöhe will dem Verteidigungsausschuß des Bundestages erst am 17. Januar Rede und Antwort stehen. Während sich die Militärexpertin der Grünen, Angelika Beer, mit ihrer euphemistischen Äußerung, »gesundheitsgefährdende Munition« solle verboten werden, die Anwartschaft auf das Unwort des Jahres zu sichern bemühte, forderte die SPD- Bundestagsabgeordnete Margot von Renesse die Einsetzung eines Untersuchungsausschusses des
Bundestags. Sie nannte den Einsatz uranhaltiger Munition ein Kriegsverbrechen. Möglicherweise sei das auch ein Fall für einen Internationalen Gerichtshof, schrieb Renesse in »Bild am Sonntag«. Geklärt werden müsse die Frage, wer in der Bundesregierung von der Verwendung dieser Munition gewußt habe. Geht man allerdings davon aus, daß die politisch Verantwortlichen allesamt Tageszeitung lesen, war die gesamte Regierung sowie der Bundestag bereits während des Krieges gegen Jugoslawien über den Einsatz der DU-Munition und damit die radioaktive Verseuchung des Balkans informiert. Die gesundheitsschädlichen Folgen der Geschosse sind darüber hinaus seit Jahren aus dem Irak bekannt, wo die US- Armee mittlerweile über 300 Tonnen abgereichertes Uran verschossen und der Bevölkerung für Generationen ein todbringendes Erbe hinterlassen hat.