Fd. Der vorliegende Augenzeugenbericht verspricht und dafür bürge ich ein grosses Mass an Objektivität. Er soll einen Gegenpol zur allgemeinen sensationsgierigen Berichterstattung bilden, denn es wird im folgenden nichts beschönigt und vertuscht. Das Zauberwort heisst Unabhängigkeit.
Schon auf dem Weg nach Zürich bekam ich den Big Brother Aspekt unseres Staates zu spüren: Ein Kondukteur wurde dabei belauscht, wie er Polizisten Angaben zu meinem Äusseren machte. Überraschend ist diese Tatsache keineswegs, ist doch auch die polizeiliche Behörde sowie die snobistische Oberschicht unserer Gesellschaft nur über die Meinungsbildung per oberflächliche Aussehensbegutachtung erhaben.
Der Zürcher Hauptbahnhof hatte an uniformiertem Polizeiangebot nicht viel zu bieten, es lässt sich also leicht auf eine grössere Anzahl heimlicher Höriger schliessen. Diese erkannte man während der anschliessenden Zugfahrt nach Landquart aufgrund der eigenartigen schwarzen Dingern, mit denen jeweils eines ihrer Ohren versehen war. Die Anreise verlief friedlich, ebenso das kollektive Aus- und Umsteigen um Bahnhof der vermeintlichen Zwischenstation. Es tut mir leid, all die medialen Ankündigungen nach Terror nicht bestätigt zu haben. Folgend ein unbegründetes, dreiviertelstündiges Warten auf die uns angesagte (!) Abfahrt in Richtung Davos und ein anschliessendes Wiedereinfinden auf dem Perron des Landquarter Bahnhofes. Mittag, halb ein Uhr.
Die weitere Vorgehensweise unsererseits wurde nach einem kurzen Zögern (aufgrund des imposanten Anblickes einer grösseren Zahl von unmittelbaren Bestattern Schweizer Grundrechte) umgesetzt, der Zugverkehr durch eine Besetzung sämtlicher Geleise blockiert. Man wollte nach Davos, man wollte massiert Grundrechte anwenden und den Weg der gesetzlichen Legalität gehen. Die Gegenseite liess sich aber zum rechtswidrigen Handeln verleiten und ermöglichte uns Anreise nach der luxuriösen Alpenmetropole, dem vorübergehenden Heim international nicht gesuchter Schlächter, nicht. Wohl auf Anweisung des lieben Herrn Aliesch, dessen Rücktritt auch ich fordere. Nun, wir setzten dem Belagerungszustand der Streckenabschnitts ebenso kein Ende wie die gut ausgerüsteten Beamten, die grösstenteils kaum Deutsch sprachen (...). Unsere Bewegungsfreiheit interessanterweise ein weiteres Grundrecht in unserem ökonomisch-beherrschten Land mit volkstümlichem Schleier wurde erheblich eingeschränkt, unser Spielraum begrenzte sich auf die Lokalität des Bahnhofes. Hätten uns nicht die Rythmen der antikommerziell ausgeübten Musik unterhalten, wir wären gestorben vor Langeweile. Gestorben, nicht etwa eingeschlafen, denn das notorische Dröhnen der über uns schwebenden Kampfhelikopter versetzte der angespannten, beinahe von Ratlosigkeit beherrschten Ruhe einen störenden Akzent. Was doch solche Flugstunden bloss kosten! Noch absurder ist, dass ich sie mit meinen Steuerabgaben bezahle.
Als wir von den Autobahn-Blockierern ca. einen Kilometer von uns entfernt erfuhren, äusserte sich das Bestreben nach einer Solidarisierung mit denselben. Meinem Urteil nach gab es bessere Aktions-Ideen. Nun, die Masse folgte angetrieben durch ein energisches Auftreten radikal-revolutionärer Elemente der Begierde nach einem Etwas-Tun und man näherte sich den drei behaglich wirkenden Stacheldraht-Blockaden" einige Meter neben der Autobahn. Keineswegs wurden wir von den Bewachern des besagten, die Landschaft verschönernden Drahtes, deren Aktivität sich zunächst auf die einer Sphinx beschränkte, beeindruckt. Umso mehr dann aber, als die Brücke über die absurde Existenz des etwas stacheligen Maschendrahtzaunes geschlagen war, denn die blauen Männchen vermehrten sich ein wenig und begannen Gummigeschosse zu spucken. Gleichzeitig wurde die allgemeine Versammlungsfläche ich glaube durch den wundervoll grün-braun angemalten Helikopter mit Tränengas-Petarden bedeckt. Diese zuvorkommende Geste von Gastfreundschaft stellt sich als eine Art Vorgeschmack auf das, was am Abend in Zürich folgen sollte, heraus... Beschleunigt durch die ausgebrochene Panik flüchteten die Gegner globaler Ausbeutung durch ein paar kravattierte Geldsäcke zurück in den schützenden und beschützten Bahnhof. Unserem Begehren nach einem Sonderzug nach Zürich wurde nach dieser etwas rauchigen Entwicklung der Geschehnisse sogar doch noch Folge geleistet: Wir bekamen einen prächtigen Zug, in dem wir für uns alleine demonstrieren konnten! Und was für ein Zug das war: Langsam fuhr er vor, dich waren nur gerade die vordersten Türen geöffnet, sodass nur ein paar Terroristen wir sind ja so verdammt gefährlich den Zug besteigen konnten. Interessant ist das nächste Phänomen: Urplötzlich steigerte unser Gefährt sein Tempo! Wenigstens war es mit ein paar praktischen Notbremshebeln versehen...
Kaum hatten wir den Bahnhof verlassen, trafen unsere Blicke mal nicht blaue Männchen und grüne Panzer, sondern die Autobahn-Blockade. Auch hier erwies sich ein roter Hebel als sehr nützlich. Rund eine Stunde lang ich fand es nicht nur enorm eindrücklich sondern auch symbolisch solidarisierten sich die gemeingefährlichen Fahrgäste der SBB mit den noch brutaleren Car-Insassen der attac, den gewaltbereiten Gewerkschaftern, den anwesenden Parlamentariern und letztlich noch mit Kurden, ja sogar die Journalisten fanden ihresgleichen vor.
Extrem stolz bin ich und dies ist nun eine ausgesprochen persönliche Note auf unser Transparent, das die Lokomotive bis hin nach Zürich schmückte, denn die rote Spraydose hatte uns satte zehn Franken gekostet. Irgendwann also fuhr unser Zug ab, womit auch die Bedingungen für die Rückreise der Cars nach Zürich erfüllt waren. Plan B lag vor uns.
Liebe Leser entschuldigt bitte den etwas ironischen, manchmal sogar zynischen Charakter der Anordnung meiner Worte und auch die zunehmende Ernsthaftigkeit meiner folgenden Buchstabenketten, denn nun hörte der Spass auf.
Nachdem wir in Zürich-Wolishofen ausgestiegen waren, konnten wir das erste Mal an diesem wettermässig schönen Tag unser Vorhaben und zugleich unser Recht auch eine Demonstration wahrnehmen. Wir zogen zum Herzen des Schweizer Neoliberalismus, dem Paradeplatz, wobei die Stadt Zürich um einige Graffitis reicher wurde. Allerdings sollten wir besagten Platz nie unter die Füsse kriegen: Eingangs Bahnhofstrasse um ca. 17.45 Uhr erwarteten uns fünf bis zehn unerschrockene Hüter des Gesetzes, herrlich bewaffnet und sogar mit ein paar Gittern vor sich. Auffällig ist, dass sich nirgends die Polizisten dermassen für den Schutz einer Gegend einsetzten, wie ausgerechnet in der Bahnhofstrasse (...). Unsere Anweisung, die Strasse binnen dreissig Sekunden zu verlassen, beantworteten die Schergen der alpenländischen Diktatur (allerdings nachdem ein Stein in deren Richtung flog und weit vor ihnen landete) mit Gummischrot und Tränengas. Wir zogen uns rasant zurück und besammelten uns auf dem Bürkliplatz. Einige Minuten später näherte sich uns auch schon ein prachtvoller Wasserwerfer sowie ein paar Schützen. Wir flüchteten über die Brücke zum Bellevue, zogen dann durchs Niederdörfli und skandierten unsere solidarischen Parolen. Je mehr die Polizei uns in Ruhe liess, desto weniger wurde Sachbeschädigung betrieben. Beim Mc Donalds erfolgte eine weitere Tränengasattacke, was bei einigen normalen" Bürgern und Passanten nicht gerade die schönsten Gefühle hervorgerufen haben wird. Weiter gings zum Central und von dort zum Hauptbahnhof, wo der Zusammenschluss mit den inzwischen angekommenen Terroristen aus den Cars stattfinden sollte.
Kurz nachdem er Tatsache wurde, besann sich die Polizei ihrer Aufgabe, für Gewalt zu sorgen und deckte uns erneut mit Gummischrot und Tränengas ein, ja sogar der Wasserwerfer folgte uns. Unser Zug zurück zum Centralplatz wurde jäh gestoppt, wir flüchteten dahin, woher wir gerade kamen. Nach einigen Hin und Hers uns hatten sich mittlerweilen viele Leute angeschlossen startete die Polizei einen Grossangriff und pumpte uns mit Tränengas voll. Wir krepierten beinahe, doch dies scheint hierzulande gesetzmässig zu sein, dass demonstrierende Bürger derart attakiert werden. Bald darauf setzte die eigentliche Hölle ein: Von hinten und von vorne flogen Tränengas-Petarden und die blauen Männchen schossen, ja ballerten vom Seiteneingang des Hauptbahnhofes auf uns. Es war eine unglaubliche Szenerie, die sich da abspielte. Was sich die Polizei hierbei leistete, ist durch nichts zu entschuldigen. Es ist nicht angemessen, kontingentsmässige Problem durch Waffen zu decken. Wenn die Behörden schlecht vorbereitet sind, heisst dies noch lange nicht, dass beliebig geballert und dieser Wort ist an dieser Stelle das einzig richtige bewässert" und ausgeräucht werden kann! Ich beantrage eine Untersuchung dieser Ereignisse, denn diese entsprachen keineswegs rechtstaatlichen Zuständen.
Im folgenden flüchteten wir in Richtung Limmatplatz, wo schliessich Autos, Container usw. angezündet wurden und die Randale ihren Höhepunkt erreichten. Unterdessen hatten sich die meisten friedliebenden Demonstranten entfernt, sodass sich grösstenteils militante Verbände, die wir zuvor oftmals von Gewalt abhalten konnten, in den Langstrassen-Quartieren herumtrieben.
Was in Davos, Landquart, an den Grenzen und vor allem in Zürich ablief, ist in einem demokratischen Staat höchst bedauerlich. Durch Schikanen und Drohungen von Seiten der Behörden werden normale" Bürger vom Protest gegen das neoliberale Regime abgehalten herausgefiltert, bis letztendlich die oppositionelle Militanz vorherrscht. Diese wird zu Gewalttaten absichtlich provoziert, damit nachher Sachbeschädigung als Schlagzeilen herhalten können und die ganze humanistische Bewegung kriminalisiert werden kann, sodass gewisse arrogante Herren wie Roffler und Aliesch für die Inhalte ihrer Stammtischargumentationen Recht" bekommen. Ich dulde dieses strategische Vorgehen von Seiten des Staates nicht.
Ich habe Verletzte gesehen, ich stand beinahe blind aufgrund des Tränengases inmitten des bürgerkriegähnlichen Strassenkampfes, ich bekam die demokratischen Mittel, zu denen also auch Gummigeschosse gehören, am eigenen Körper zu spüren, ich habe mit eigenen Augen gesehen, wie die Polizei zuerst Gewalt als Mittel wählte, ich hasste, doch ich warf keinen Stein und schlug nichts kaputt, ich wurde aggressiv gemacht und hatte mich trotzdem im Griff, ich erlebte dieses Inferno, diese Kette von Rechtsbrüchen mit. Ich fordere die Schweizer Regierung dazu auf, etwas gegen diesen erbärmlichen Zustand unseres vom Kapital und kleinbügerlicher Selbstzufriedenheit gezeichneten Landes zu unternehmen. Solange solche Ereignisse das Tagesgeschehen in der Schweiz prägen, kann ich die offizielle Staatsform Demokratie" nicht akzeptieren.
Ein Staat, in dem oppositionelle Stimmen im Interesse einer kleinen kapitalinhabenden Elite unterdrückt werden, in dem Polizei und Armee zum Instrument derselben und des Staates, der zunehmend deren Anliegen vertritt und auf die Blindheit und Passivität seiner Bürger baut werden, ein solches Land will ich nicht bewohnen. Ich werde kämpfen. Viele werden kämpfen. Immer mehr.
Ich verlange von unserer Regierung, sofort Massnahmen gegen den zunehmenden Abbau des Sozialstaates zu Gunsten kapitalistischen Gewinnstrebens zu ergreifen. Ein demokratischer Staat hat die Interessen seiner Bürger, der überwiegenden Masse der Arbeitnehmer zu verfolgen und sich nicht der Macht der Wirtschaft, insbesondere der transnationalen Konzerne zu fügen. Je länger soziale Verbesserungen herausgezögert werden, desto heftiger wird eines Tages die Revolte zum Ausdruck kommen. Ein Mensch ist keine Maschine und wird es nie sein. Wenn dieses Bewusstsein, dieser Überdruss am grauen Alltag, dieser Ekel zum Bewusstsein selbst werden, dann erst tritt eine grossflächige gesellschaftliche Veränderung ein. Je repressiver der Staat ist, desto stärker wird dieses Bewusstsein und der daraus resultierende Widerstand sein, dann steht uns eine Revolution an, die durch stetige Reformen nie hätte provoziert hätte werden müssen.
Der 27.1.2001 wird in unseren Erinnerungen kleben bleiben, auf ihm wollen wir aufbauen.
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