Die Zeit um Bilanz über die Angelegenheit WEF 2001 zu ziehen, ist noch nicht da; sie wird es nie sein, denn der Kampf für Gerechtigkeit im Sinne der Vernunft wird noch lange währen. Diese absolute Maxime, diese Utopie, ist gleich einem mathematischen Grenzwert, der nie erreicht werden kann.
Um was geht es? Geht es darum, dass einige NGOs ihre Vertreter unterwürfig um Anhörung bettelnd hinein in den Goldenen Käfig schicken können, um dort mit der Lupe die menschliche Ader der Kapitalgeier aufzuspüren und dann selbst auf wunden Knien, hungernd und frierend einem Dritt-Welt-Kind gleich und selbstverständlich erfolglos in den Schoss des Idealismus zurückzukriechen? Geht es darum, dass eine Handvoll Bauern an einem Gegenforum ihre Lebensbedingungen eigenhändig schildern können um vielleicht vom Schweizer Bundespräsidenten einige wenige Minuten angehört zu werden? Wahrhaftig müssen wir uns die Frage stellen, um was es hier geht.
Wie lange beharren wir noch auf der Kraft und dem Einfluss einiger Vertreter der Gegner der kapitalistischen (ach nein, ich wollte doch diese Rhetorik aus Zeiten des Kalten Krieges weglassen und nur noch die moderne Version in diesem Falle neoliberalen" - erwähnen) Auswüchse? Es nützt uns ziemlich wenig, mit tausend Leuten vor den Toren der Alpenfestung zu stehen und dabei durch die Sprachorgane einer minimalen Anzahl NGO-Abgeordneten auf die Basis des Protests und der Entrüstung hinzuweisen. Laut einer repräsentativen Studie des Tagesanzeigers sprach sich die Mehrheit der Schweizer Bevölkerung gegen die Machenschaften des WEF und somit auch gegen die vielen negativen Nebenwirkungen" der Wohlstand sähenden Globalisierung aus. Wo aber waren diese sechzig Prozent am 27. Januar? Der Unmut über die einwöchige Sitzung der Global Players muss ja wahnsinnigen Ausmasses gewesen sein... Leider (entschuldigt dieses Modewort der Kapitalinhaber und Bewacher) hat auch hier wieder einmal diese elende, ekelerregende kleinbürgerliche Ignoranz, dieses Geschwür eines Desinteresses aufgrund von Überdruss, über die Solidarität und den Willen zur Revolte gewonnen. Das Bewusstsein und nur dies ist der Ausgangspunkt eines Aufstandes. Lever en masse" hiesse der entsprechende historische Ausdruck, der sich aber leise wieder aus unserem Spatzenhirn geflüchtet hat und kraft unserer Blindheit, natürlichen Trägheit und dem ebenso typisch-menschlichen Egoismus (die anständigere Version dieses Wortes wäre Selbsterhaltungstrieb) kaum je wieder entdeckt wird. Dieser kollektive Wille zur Veränderung ich spreche hier bewusst nicht von unmittelbarer Umwälzung - bestehender Umstände ist uns abhanden gekommen, nicht zuletzt deswegen, weil wir ein Teil dieses materialistischen System sind und es in Trab zu halten mithelfen.
Das Bewusstsein jedes Einzelnen gilt es zu beeinflussen, damit sich die herrschenden Umstände ändern. Solange der Blick" eine derart grosse Leserschaft mit populistischen, eben für jedermann einfach zu verstehenden" Inhalten auf antiintellektuellen Niveau hält wird sich nichts ändern. Solange im selben Käseblatt die Leserbriefschreiber (für die wir uns paradoxerweise ja eben einsetzen) darauf bestehen, die Polizeigewalt gegen all die vielen rückständigen Chaoten und Möchtegern-Terroristen zu verschärfen, solange wird sich hier nichts ändern. Ein Welle der Aufklärung ist nötig. Leider stehen die Chancen dafür gerade zu Zeiten der wunderbaren wirtschaftlichen Konjunktur, die bekanntlich ja auch Teuerungsausgleiche mit sich zieht (es wäre doch zu schön!) und somit jedem noch so kleinen Arbeiter was einbringt, ziemlich schlecht. Mit der Rezession und ständiger Aufklärungsarbeit von Seiten der vereinten Linken, die sich ausnahmsweise halt mal einen niveauloseren Sprachgebrauch aneignen müsste, wäre schon eher etwas zu bewirken. Zudem müsste diese hässliche Wortfolge mir geht es ja gut!" abgeschafft werden, der Widerstand ein wenig reform- und nicht revolutionsorientierer sein, und das hässliche Trendwort Steuersenkungen verboten werden.
Ideen, Blüten eines verzweifelt-optimistischen Denkens, die unwillkürlich auf zwei bekannte französische philosophische Schriftsteller hinweisen, deren Namen vor rund 35 Jahren in aller Munde waren. Ein längst verstorbener Prager liesse auch grüssen... Marx alleine ist noch keine Lösung. Sisyphos muss unser aller Vorbild werden, denn nur so kann es uns gelingen, die Macht des Bewusstseins aller Individuen auf eine humanere, uneigennützigere Bahn zu lenken. Das Bewusstsein muss Freiheit erkennen und Unabhängigkeit anstreben, den Einzelnen selbst stärken und ihm halt geben, um seinem Wesen als Instrument entfliehen zu können.
Ich fordere alle Menschen, die einen Funken Widerstand gegen die herrschenden Zustände fühlen auf, sich zu engagieren!
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