Zwei Jahre Zeit
Nur gerade zwei Jahre bleiben
dem Boanova-Kollektiv, um sein anspruchsvolles Konzept, das auf dem Papier
durchaus plausibel klingt, in die Realität umzusetzen. Ende 2002 läuft
der Leistungsvertrag mit der Stadt bereits wieder aus, und was danach passiert,
steht in den Sternen. Selbst wenn sich das Boanova-Konzept unbestreitbar
als Erfolg entpuppen sollte, ist die Stadt zu keinerlei Zusagen betreffend
einer Weiterführung des Vertrages mit dem Kollektiv bereit.
Die Stadtverwaltung hat dabei
aus ihrem Argwohn gegenüber der kollektiven Boa-Leitung nie einen
Hehl gemacht. Bisweilen gewinnt man gar den Eindruck, als lasse man im
Stadthaus nichts unversucht, den Boanova-Leuten das Leben möglichst
schwer zu machen. Erst im Januar wurde der jungen Führungs-Crew ein
neuerlicher Dämpfer verpasst: Kaum hatte das Kollektiv seine Arbeit
aufgenommen, wurde ihm von Seiten der städtischen Baudirektion hochoffiziell
mitgeteilt, die Boa-Liegenschaft sei per sofort mit einem zweijährigen
Investitionsstopp belegt worden. Der laufende Unterhalt werde zwar weiterhin
von der Stadt übernommen; für zusätzliche Anpassungen der
Infrastruktur seien aber bis auf weiteres keinerlei Mittel mehr vorhanden.
Damit fällt die dringend
notwendige Lärmdämmung flach, obwohl die Sanierung der alten
Fabrikfenster für die Boa immer mehr zur Überlebensfrage wird.
Die Klagen aus der Nachbarschaft hätten in letzter Zeit wieder zugenommen,
sagt Christof Kopp, im Boanova-Kollektiv unter anderem zuständig für
Administration und Buchhaltung. Wenn in ein paar Monaten die ersten der
über hundert Eigentumswohnungen, die hinter der Boa zur Zeit gebaut
werden, bezugsbereit seien, könne man beim jetzigen Zustand der Fenster
in der Bar keine Konzerte mehr veranstalten. Auch die «internationalen
Acts», welche die Boanova gerne nach Luzern bringen würde, und
die gemäss Konzept weniger publikumswirksamen Projekte
mitfinanzieren sollen, sind ohne zusätzliche Lärmschutzmassnahmen
nicht durchführbar.
Zwischen 20 000 und 30 000
Franken würden die notwendigen Abdichtungen der alten Fenster kosten,
rechnet Buchhalter Christof Kopp vor. Ein relativ bescheidener Betrag,
wenn man sich vor Augen führt, wie viel Ärger damit vermieden
werden könnte.
«Völlig allein
gelassen»
Man fühle sich von der
Stadt in dieser Frage aber «völlig allein gelassen». Nach
Kopps Meinung hätte das Faktum, dass sich im Quartier ein Kulturzentrum
befindet, und deshalb gewisse Vorkehrungen unumgänglich seien, schon
bei der Erteilung der Baubewilligung berücksichtig werden müssen.
Doch scheint die Baudirektion weder bei der Erteilung der Baubewilligungen,
noch beim Investitionsstopp im letzten Januar mit den Kulturverantwortlichen
der Stadt Rücksprache genommen zu haben.
«Das war allein ein
Entscheid der Baudirektion», sagt jedenfalls Rosie Bitterli, die
Kulturverantwortliche der Stadt. «Ich muss allerdings betonen, dass
ich diesen Entscheid durchaus vernünftig finde. Es hat doch einfach
keinen Sinn, grössere Investitionen vorzunehmen, so lange man nicht
weiss, wie es mit der Boa konzeptionell und inhaltlich überhaupt weitergehen
soll.»
Dabei wird freilich ausgeblendet,
dass die Vollversammlung der IKU Boa im Mai des letzten Jahres sehr wohl
festgelegt hat, wie es konzeptionell und inhaltlich mit der Boa weiterzugehen
habe. Der Entscheid zu Gunsten des Boanova-Konzeptes (und damit gegen das
von der Stadt favorisierte Projekt «Kulturhaus») fiel damals
zwar knapp aus, seine demokratische Rechtmässigkeit wird aber von
keiner Seite angezweifelt.
Offener Krach
Die mangelnde Bereitschaft
der Stadtverwaltung, den Beschluss der Boa-Vollversammlung zu akzeptieren
und sich ernsthaft mit dem Boanova-Konzept auseinander zu setzen, führte
schon im letzten Oktober zum offenen Krach und zu mehreren Protest-Rücktritten
aus dem IKU-Boa-Vorstand. Dabei zogen sich ausgerechnet jene Vorstandsmitglieder
aus dem Leitungsgremium zurück, die über die grösste Erfahrung
verfügten, und damit auch als GarantInnen für eine gewisse Kontinuität
innerhalb der Boa galten: Trixa Arnold, die während acht Jahren für
das Boa-Programm mitverantwortlich war, spricht von einem «Boykott»
gegenüber dem Boanova-Kollektiv: «Man darf sich da nichts vormachen»,
sagt sie, «die Stadt hat nur ein Ziel: nämlich, das Boanova-Konzept
so schnell als möglich wieder abzuwürgen.»
Aus dem Vorstand sei sie ausgestiegen,
weil die Stadt dem Boanova-Kollektiv zur Umsetzung ihres Konzeptes nur
zwei Jahre Zeit zugestehen will: «Wir haben mindestens drei Jahre
gefordert, weil der Aufwand so etwas zu realisieren einfach riesig ist.»
Zudem forderte die Boanova ein klares Bekenntnis der Stadt, dass man das
Boanova-Konzept nicht nur als blosse Übergangslösung betrachte:
«Wir wollten eine Zusage, dass wir weiter machen können, wenn
es gut läuft», sagt Trixa Arnold.
Eine solche Zusage ginge freilich
bereits über den momentanen Planungshorizont der städtischen
Kulturverantwortlichen hinaus. Rosie Bitterli verweist dabei auf einen
«Grundlagenbericht zur Kulturpolitik», der zwischen Herbst
und Frühjahr neue Leitlinien zur städtischen Kulturpolitik liefern
soll: «Gestützt auf diesen Bericht werden wir dann ohnehin wieder
über die Boa reden müssen: Dann wird man schauen, wie man die
Boa ausrichten muss, und wo man möglicherweise politische Mehrheiten
finden kann, wenn es um einen neuen Subventionsvertrag geht.»
Verlängerung nicht
undenkbar
Spätestens dann werde
sich zeigen, «ob die heutigen Betreiber und ihr Boanova-Konzept tatsächlich
das Richtige sind.» Das heisse aber keineswegs, beeilt sich die Kulturbeauftragte
beizufügen, dass es grundsätzlich nicht denkbar sei, den Vertrag
auch mit der Boanova zu verlängern: «Wenn die Boanova in der
Lage ist, den Betrieb mit dem vorhandenen Budget zu führen, und wenn
das Publikum kommt, und wenn auch die Kulturszene wieder den Eindruck bekommt,
dass man in der Boa veranstalten kann, und dass die Boa ein Ort ist, der
für Theater und für Musik zur Verfügung steht wenn
sie das alles organisatorisch schaffen, sähe ich persönlich keinen
Grund, einzugreifen.»
Dass sich namentlich die Theaterszene
in der Boa «nicht mehr länger willkommen und heimisch»
fühle (wie die städtische Kulturverantwortliche sagt), beruht
freilich weniger auf konkreten Erfahrungen mit der neuen Führung,
als vielmehr auf ideologischen Bedenken: «Wir sind letztes Jahr eben
mit andern Vorstellungen in die Auseinandersetzung eingetreten und als
Verlierer wieder herausgekommen», sagt Adi Blum vom Forum freies
Theater, der zusammen mit den beiden früheren Boa-ProgrammatorInnen
Christine Weber und Hansruedi Hitz das Projekt «Kulturhaus»
eingereicht hatte. Inhaltlich lagen sie damit vom siegreichen Boanova-Konzept
gar nicht so weit entfernt. Der wesentliche Unterschied lag aber in der
Führungsstruktur: statt einem demokratischen Kollektiv, sollte im
«Kulturhaus» ein dreiköpfiges Leitungsteam für den
Betrieb verantwortlich sein.
Die Niederlage an der Vollversammlung
sei «knapp und schmerzhaft» gewesen, sagt Adi Blum. Und die
Dachorganisation der freien Luzerner Theaterszene reagierte entsprechend
verstimmt und teilte dem Städtischen Kulturdepartement umgehend mit,
man weigere sich mit dem Boanova-Kollektiv zusammenzuarbeiten. Auch die
von der IKU-Boa angebotene Einsitznahme im Vorstand wurde schroff zurückgewiesen.
Die Begründung: «Das für professionelles Theater- und Musikschaffen
prädestinierte Kultur- zentrum Boa scheint uns für die Anliegen
der Leute von Boanova nicht geeignet». Konkret störte sich der
Dachverband der freien Theatergruppen dabei vor allem
daran, dass eine basisdemokratischen
Struktur keine klare Verantwortungsbereiche kenne und keinen effizienten
Betrieb zulasse.
Seither liege «eine
gewisse Spannung in der Luft», sagt der Kulturschaffende Adi Blum.
Als «ideologische Streitereien» mag er die Kontroverse aber
nicht bezeichnen, dies um so weniger, weil sich die Wellen wie man
Blums Worten entnehmen kann inzwischen wieder etwas gelegt zu haben
scheinen: «Wir sind schliesslich gute Verlierer», sagt er.
Im übrigen lasse sich
das Boanova-Konzept ohnehin erst in den kommenden Monaten beurteilen, wenn
sich die neue Leitung auch in der Programmation niederschlage: «Ein
Kulturhaus lebt ja vor allem von seinem Programm. Das strahlt nach Aussen
aus, alles übrige ist doch eigentlich unwichtig.»
Erheblicher Verlust an Know-How
Das erste Anliegen der freien
Theaterszene sei es, «in der Boa möglichst gute Bedingungen
zu haben, um Theater zu produzieren, Premieren zu zeigen und Stücke
aufführen zu können». Der Wechsel der Führung habe
jetzt allerdings zu einem erheblichen Verlust an Know-How geführt,
sagt Blum. So fehle immer noch ein Programmator für den Theaterbereich:
«Die Kernfrage stellt sich jetzt für uns: Sollen wir nicht besser
unterstützend eingreifen und sagen, wir übernehmen die Programmation;
oder warten wir einfach weiter ab, und sagen: Die sollen jetzt einmal zeigen,
wie sie mit dem Theater umzugehen gedenken.»
Das Boanova-Kollektiv würde
eine Mitarbeit begeistert begrüssen. Sie brächte für das
Forum freies Theater allerdings auch eine gewisse Mitverantwortung für
den Betrieb, sagt Blum. Wird dagegen weiter zugewartet, vergrössert
sich das Risiko, dass die Boa auf Grund der unterlassenen Lärmsanierung
und der unvermeidlichen Proteste der benachbarten EigenheimbesitzerInnen
vorzeitig geschlossen wird. Dann hätte auch das Forum freies Theater
keinen Spielort mehr.
Somit reduziert sich für
Adi Blum das Problem im wesentlichen auf die Frage: «Wie macht man
Kultur in einem Wohnquartier?» Ein schwieriges Problem, das in der
Luzerner Kulturpolitik wieder, wie Blum befürchtet, zu einem «riesiges
Abwarten» führen könnte: «Der Ball liegt jetzt eindeutig
bei der Stadt», meint er, «die Kulturbeauftragte hat versprochen,
noch dieses Frühjahr einen runden Tisch zu organisieren.» Doch
unendlich lange warten will er nicht, denn «wenn sie dies nicht tut,
machen wir das selber.»
Am runden Tisch könnte
man sich dann möglicherweise auch noch einmal über die leidige
Fenstersanierung unterhalten: Ein wohlwollender Zuspruch der Theaterszene
könnte bei der städtischen Baudirektion möglicherweise ein
Wunder bewirken.