01. März 2001

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Die Suche nach dem langsamen Tod
Ein Investitionsstopp für die Übergangslösung beim Kulturzentrum Boa.


von Heinz Roland

Luzerns alternative Kulturfabrik Boa befindet sich in Aufbruchsstimmung, wie seit Jahren nicht mehr: «Der ganze Betrieb wird völlig umstrukturiert», erklärt Boris Rossi, Co-Präsident der IKU-Boa und Mitglied des 17-köpfigen Boanova-Kollektivs, das seit Anfang Jahr für den Betrieb im Kulturzentrum am Geissensteinring verantwortlich zeichnet. Nach dem Vorbild der «Roten Fabrik» in Zürich wird die Boa seither basisdemokratisch gemanagt.
Der «alte Boa-Geist», so versichert Rossi, bleibe aber in jedem Fall erhalten. Angestrebt wird eine «gute Mischung aus Kontinuität und Erneuerung», wobei die ganze Breite des kulturellen Spektrums abgedeckt werden soll: vom Punkkonzert bis hin zum «mehr oder weniger normalen» Theaterabend. Einen «Knotenpunkt» soll dabei die neue «Kulturbeiz» im Foyer bilden, in denen Ausstellungen und Experimente aller Art stattfinden: Man wolle «weg vom Konzept des reinen Veranstaltungshauses», heisst es im Konzept, und stattdessen zu einer «Produktionswerkstatt» werden.

Zwei Jahre Zeit
Nur gerade zwei Jahre bleiben dem Boanova-Kollektiv, um sein anspruchsvolles Konzept, das auf dem Papier durchaus plausibel klingt, in die Realität umzusetzen. Ende 2002 läuft der Leistungsvertrag mit der Stadt bereits wieder aus, und was danach passiert, steht in den Sternen. Selbst wenn sich das Boanova-Konzept unbestreitbar als Erfolg entpuppen sollte, ist die Stadt zu keinerlei Zusagen betreffend einer Weiterführung des Vertrages mit dem Kollektiv bereit.
Die Stadtverwaltung hat dabei aus ihrem Argwohn gegenüber der kollektiven Boa-Leitung nie einen Hehl gemacht. Bisweilen gewinnt man gar den Eindruck, als lasse man im Stadthaus nichts unversucht, den Boanova-Leuten das Leben möglichst schwer zu machen. Erst im Januar wurde der jungen Führungs-Crew ein neuerlicher Dämpfer verpasst: Kaum hatte das Kollektiv seine Arbeit aufgenommen, wurde ihm von Seiten der städtischen Baudirektion hochoffiziell mitgeteilt, die Boa-Liegenschaft sei per sofort mit einem zweijährigen Investitionsstopp belegt worden. Der laufende Unterhalt werde zwar weiterhin von der Stadt übernommen; für zusätzliche Anpassungen der Infrastruktur seien aber bis auf weiteres keinerlei Mittel mehr vorhanden.
Damit fällt die dringend notwendige Lärmdämmung flach, obwohl die Sanierung der alten Fabrikfenster für die Boa immer mehr zur Überlebensfrage wird. Die Klagen aus der Nachbarschaft hätten in letzter Zeit wieder zugenommen, sagt Christof Kopp, im Boanova-Kollektiv unter anderem zuständig für Administration und Buchhaltung. Wenn in ein paar Monaten die ersten der über hundert Eigentumswohnungen, die hinter der Boa zur Zeit gebaut werden, bezugsbereit seien, könne man beim jetzigen Zustand der Fenster in der Bar keine Konzerte mehr veranstalten. Auch die «internationalen Acts», welche die Boanova gerne nach Luzern bringen würde, und die ­ gemäss Konzept ­ weniger publikumswirksamen Projekte mitfinanzieren sollen, sind ohne zusätzliche Lärmschutzmassnahmen nicht durchführbar.
Zwischen 20 000 und 30 000 Franken würden die notwendigen Abdichtungen der alten Fenster kosten, rechnet Buchhalter Christof Kopp vor. Ein relativ bescheidener Betrag, wenn man sich vor Augen führt, wie viel Ärger damit vermieden werden könnte.

«Völlig allein gelassen»
Man fühle sich von der Stadt in dieser Frage aber «völlig allein gelassen». Nach Kopps Meinung hätte das Faktum, dass sich im Quartier ein Kulturzentrum befindet, und deshalb gewisse Vorkehrungen unumgänglich seien, schon bei der Erteilung der Baubewilligung berücksichtig werden müssen. Doch scheint die Baudirektion weder bei der Erteilung der Baubewilligungen, noch beim Investitionsstopp im letzten Januar mit den Kulturverantwortlichen der Stadt Rücksprache genommen zu haben.
«Das war allein ein Entscheid der Baudirektion», sagt jedenfalls Rosie Bitterli, die Kulturverantwortliche der Stadt. «Ich muss allerdings betonen, dass ich diesen Entscheid durchaus vernünftig finde. Es hat doch einfach keinen Sinn, grössere Investitionen vorzunehmen, so lange man nicht weiss, wie es mit der Boa konzeptionell und inhaltlich überhaupt weitergehen soll.»
Dabei wird freilich ausgeblendet, dass die Vollversammlung der IKU Boa im Mai des letzten Jahres sehr wohl festgelegt hat, wie es konzeptionell und inhaltlich mit der Boa weiterzugehen habe. Der Entscheid zu Gunsten des Boanova-Konzeptes (und damit gegen das von der Stadt favorisierte Projekt «Kulturhaus») fiel damals zwar knapp aus, seine demokratische Rechtmässigkeit wird aber von keiner Seite angezweifelt.

Offener Krach
Die mangelnde Bereitschaft der Stadtverwaltung, den Beschluss der Boa-Vollversammlung zu akzeptieren und sich ernsthaft mit dem Boanova-Konzept auseinander zu setzen, führte schon im letzten Oktober zum offenen Krach und zu mehreren Protest-Rücktritten aus dem IKU-Boa-Vorstand. Dabei zogen sich ausgerechnet jene Vorstandsmitglieder aus dem Leitungsgremium zurück, die über die grösste Erfahrung verfügten, und damit auch als GarantInnen für eine gewisse Kontinuität innerhalb der Boa galten: Trixa Arnold, die während acht Jahren für das Boa-Programm mitverantwortlich war, spricht von einem «Boykott» gegenüber dem Boanova-Kollektiv: «Man darf sich da nichts vormachen», sagt sie, «die Stadt hat nur ein Ziel: nämlich, das Boanova-Konzept so schnell als möglich wieder abzuwürgen.»
Aus dem Vorstand sei sie ausgestiegen, weil die Stadt dem Boanova-Kollektiv zur Umsetzung ihres Konzeptes nur zwei Jahre Zeit zugestehen will: «Wir haben mindestens drei Jahre gefordert, weil der Aufwand so etwas zu realisieren einfach riesig ist.» Zudem forderte die Boanova ein klares Bekenntnis der Stadt, dass man das Boanova-Konzept nicht nur als blosse Übergangslösung betrachte: «Wir wollten eine Zusage, dass wir weiter machen können, wenn es gut läuft», sagt Trixa Arnold.
Eine solche Zusage ginge freilich bereits über den momentanen Planungshorizont der städtischen Kulturverantwortlichen hinaus. Rosie Bitterli verweist dabei auf einen «Grundlagenbericht zur Kulturpolitik», der zwischen Herbst und Frühjahr neue Leitlinien zur städtischen Kulturpolitik liefern soll: «Gestützt auf diesen Bericht werden wir dann ohnehin wieder über die Boa reden müssen: Dann wird man schauen, wie man die Boa ausrichten muss, und wo man möglicherweise politische Mehrheiten finden kann, wenn es um einen neuen Subventionsvertrag geht.»

Verlängerung nicht undenkbar
Spätestens dann werde sich zeigen, «ob die heutigen Betreiber und ihr Boanova-Konzept tatsächlich das Richtige sind.» Das heisse aber keineswegs, beeilt sich die Kulturbeauftragte beizufügen, dass es grundsätzlich nicht denkbar sei, den Vertrag auch mit der Boanova zu verlängern: «Wenn die Boanova in der Lage ist, den Betrieb mit dem vorhandenen Budget zu führen, und wenn das Publikum kommt, und wenn auch die Kulturszene wieder den Eindruck bekommt, dass man in der Boa veranstalten kann, und dass die Boa ein Ort ist, der für Theater und für Musik zur Verfügung steht ­ wenn sie das alles organisatorisch schaffen, sähe ich persönlich keinen Grund, einzugreifen.»
Dass sich namentlich die Theaterszene in der Boa «nicht mehr länger willkommen und heimisch» fühle (wie die städtische Kulturverantwortliche sagt), beruht freilich weniger auf konkreten Erfahrungen mit der neuen Führung, als vielmehr auf ideologischen Bedenken: «Wir sind letztes Jahr eben mit andern Vorstellungen in die Auseinandersetzung eingetreten und als Verlierer wieder herausgekommen», sagt Adi Blum vom Forum freies Theater, der zusammen mit den beiden früheren Boa-ProgrammatorInnen Christine Weber und Hansruedi Hitz das Projekt «Kulturhaus» eingereicht hatte. Inhaltlich lagen sie damit vom siegreichen Boanova-Konzept gar nicht so weit entfernt. Der wesentliche Unterschied lag aber in der Führungsstruktur: statt einem demokratischen Kollektiv, sollte im «Kulturhaus» ein dreiköpfiges Leitungsteam für den Betrieb verantwortlich sein.
Die Niederlage an der Vollversammlung sei «knapp und schmerzhaft» gewesen, sagt Adi Blum. Und die Dachorganisation der freien Luzerner Theaterszene reagierte entsprechend verstimmt und teilte dem Städtischen Kulturdepartement umgehend mit, man weigere sich mit dem Boanova-Kollektiv zusammenzuarbeiten. Auch die von der IKU-Boa angebotene Einsitznahme im Vorstand wurde schroff zurückgewiesen. Die Begründung: «Das für professionelles Theater- und Musikschaffen prädestinierte Kultur- zentrum Boa scheint uns für die Anliegen der Leute von Boanova nicht geeignet». Konkret störte sich der Dachverband der freien Theatergruppen dabei vor allem
daran, dass eine basisdemokratischen Struktur keine klare Verantwortungsbereiche kenne und keinen effizienten Betrieb zulasse.
Seither liege «eine gewisse Spannung in der Luft», sagt der Kulturschaffende Adi Blum. Als «ideologische Streitereien» mag er die Kontroverse aber nicht bezeichnen, dies um so weniger, weil sich die Wellen ­ wie man Blums Worten entnehmen kann ­ inzwischen wieder etwas gelegt zu haben scheinen: «Wir sind schliesslich gute Verlierer», sagt er.
Im übrigen lasse sich das Boanova-Konzept ohnehin erst in den kommenden Monaten beurteilen, wenn sich die neue Leitung auch in der Programmation niederschlage: «Ein Kulturhaus lebt ja vor allem von seinem Programm. Das strahlt nach Aussen aus, alles übrige ist doch eigentlich unwichtig.»

Erheblicher Verlust an Know-How
Das erste Anliegen der freien Theaterszene sei es, «in der Boa möglichst gute Bedingungen zu haben, um Theater zu produzieren, Premieren zu zeigen und Stücke aufführen zu können». Der Wechsel der Führung habe jetzt allerdings zu einem erheblichen Verlust an Know-How geführt, sagt Blum. So fehle immer noch ein Programmator für den Theaterbereich: «Die Kernfrage stellt sich jetzt für uns: Sollen wir nicht besser unterstützend eingreifen und sagen, wir übernehmen die Programmation; oder warten wir einfach weiter ab, und sagen: Die sollen jetzt einmal zeigen, wie sie mit dem Theater umzugehen gedenken.»
Das Boanova-Kollektiv würde eine Mitarbeit begeistert begrüssen. Sie brächte für das Forum freies Theater allerdings auch eine gewisse Mitverantwortung für den Betrieb, sagt Blum. Wird dagegen weiter zugewartet, vergrössert sich das Risiko, dass die Boa auf Grund der unterlassenen Lärmsanierung und der unvermeidlichen Proteste der benachbarten EigenheimbesitzerInnen vorzeitig geschlossen wird. Dann hätte auch das Forum freies Theater keinen Spielort mehr.
Somit reduziert sich für Adi Blum das Problem im wesentlichen auf die Frage: «Wie macht man Kultur in einem Wohnquartier?» Ein schwieriges Problem, das in der Luzerner Kulturpolitik wieder, wie Blum befürchtet, zu einem «riesiges Abwarten» führen könnte: «Der Ball liegt jetzt eindeutig bei der Stadt», meint er, «die Kulturbeauftragte hat versprochen, noch dieses Frühjahr einen runden Tisch zu organisieren.» Doch unendlich lange warten will er nicht, denn «wenn sie dies nicht tut, machen wir das selber.»
Am runden Tisch könnte man sich dann möglicherweise auch noch einmal über die leidige Fenstersanierung unterhalten: Ein wohlwollender Zuspruch der Theaterszene könnte bei der städtischen Baudirektion möglicherweise ein Wunder bewirken.