30. April 2001

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Im Cox 18 träumen sie vom Klassenkampf


Im bürgerlichen Mailand pocht das Herz der linksalternativen Szene Italiens. Vor den Wahlen macht sie Schlagzeilen.

Von Oliver Meiler, Mailand

Mailand hat die Scala, den Dom, die Mode, die Banken. In Mailand sitzt das Kapital. Mailand ist die wirtschaftliche Schlagader und der Nordpol Italiens. Hier ist Silvio Berlusconi gross und vor allem reich geworden. In Mailand regiert seine Partei, Forza Italia, genauso wie in der Provinz Mailand und in der Lombardei, der florierendsten Region Europas. Mailand, die moderne Metropole, gibt Italien den Takt an. Und überfordert mit ihrem Tempo zuweilen den Rest Italiens. Manchmal auch sich selbst.

Das schafft Kontraste, vor allem soziale und deshalb auch ideologische. Die ersten sind kaum sichtbar, die zweiten münden manchmal in wilde Strassenschlachten und laute Demonstrationszüge. Zwei Motoren treiben Mailand an - einer globalisiert, der andere bremst. Zwei parallele Welten - die zweite ist im Untergrund gewachsen und versteht sich als Alternative zur ersten, zur bürgerlichen, vom Kapital getriebenen Schicht. Es ist die Welt der Centri sociali, der Sozialzentren. So nennen die Italiener die autonomen Jugendzentren, von denen es 130 im Land gibt, zwei Dutzend allein in Mailand.

Ein soziales Labor

Die italienischen Autonomen haben sich in den letzten Jahren einen Namen gemacht, weltweit: Tute bianche, so heissen die weiss gekleideten Aktivisten aus den Centri, die mit Gasmasken, Helmen und Wasserpistolen nach Seattle, Prag und Nizza gereist sind. Nach Davos hätten sie auch gewollt. Friedlich, wie sie sagen, frei nach Gandhi und dessen zivilem Ungehorsam. Zuweilen gehen die Sicherungen dann doch durch. Via Internet koordinieren sie ihre Aktionen mit Kameraden in der ganzen Welt. Jetzt wieder, wo es gilt, den Gipfel der G-8-Staaten Mitte Juli in Genua zu stören. An der Via Watteau 7, hinter der Stazione Centrale, steht die Brutstätte der Tute bianche: das Leoncavallo. Mailands glamouröse Eleganz ist hier, im Quartier Greco, nur noch eine blasse Erinnerung. Die Strassen sind breiter, dunkler. Die Wohnhäuser kastenförmiger, unwirtlicher als im Zentrum. Hierher sind in den 50er- und 60er-Jahren Zehntausende Süditaliener gezogen, als es vor den Toren der Stadt noch grosse Industriewerke gab, Alfa Romeo zum Beispiel. Es war die Zeit des "Miracolo", des italienischen Wirtschaftswunders der Nachkriegsepoche. Als Mailand dann in der Siebzigern zur Dienstleistungsmetropole mutierte, schlossen die grossen Betriebe. Die Arbeiter verloren nicht nur ihre Jobs, ihre Häuser wurden zu Objekten der Bauspekulation. Die Stadt entvölkerte, entzweite sich.

Die Centri sociali waren die Antwort des geschassten Proletariats. Gewerkschafter, junge Wilde und linke Intellektuelle erkämpften sich verlassene Fabrikgebäude, stritten um ihr Existenzrecht im städtischen Raum, besetzten Haus um Haus. Und lieferten sich Strassenkämpfe mit den Neofaschisten und vor allem mit der Polizei, die die Zentren schliessen wollte. Es gab damals, in den "bleiernen Jahren" des Terrorismus in Italien, einen guten Grund dafür: die Roten Brigaden. Sie hatten die Centri infiltriert, rekrutierten dort ihre Leute. Die "bewaffneten Elemente" haben die Szene gespalten und in Verruf gebracht - bis heute.

Gegen dieses Image kämpft Daniele Farina, ein ruhiger Mann Mitte 30. Er ist einer der Leader des Leoncavallo. Das hört er nicht gern. Er sei halt einfach schon lange dabei. Hier herrscht die Generalversammlung, die Basisdemokratie. Und die entscheidet über die Initiativen des "Leo", 8000 Quadratmeter Operationsfläche. Farina führt durch die riesigen Hallen, durch die Sala Centrale, wo ein paar Tausend Konzertbesucher Platz finden, wenn Underground-Musik, Hip Hop und Dance gegeben wird. Der Eintritt kostet 5000 Lire, vier Franken, das Bier 1.60 Franken - unschlagbar billig im teuren Mailand. Es kommen Leute aus allen Schichten und Klassen zu den Konzerten: 400 000 Eintritte jährlich.

Einen Theatersaal hat das "Leo" auch, und ein Filmstudio, eine Bar, eine Bücherei und eine Volksküche, wo sozial Gestrandeten und illegalen Einwanderern Gratisessen serviert werden. Kein Fastfood, sagt Farina, das würde nicht zur Kultur passen. Rundum hängen vergilbte Manifeste alter Proteste: Frieden in Afrika wird da etwa gefordert, oder die Freilassung des schwarzen US-Bürgerrechtsjournalisten Mumia Abu-Jamal. Auf einem grossen Transparent wird das Immigrationsdekret der Römer Regierung angefeindet und auf einem anderen die Prohibition leichter Drogen. Dazu Bilder von Subcomandante Marcos an jeder Mauer. Der Zapatistenführer ist ein Idol hier.

Der Versuch aufzutauchen

Das "Leo" finanziert seine Aktivitäten selber, notgedrungen. Die Stadt anerkennt das Zentrum nicht. Farina nennt es ein soziales Labor, ein Observatorium, wo sich gesellschaftliche Tendenzen beobachten liessen. Er will seine Erkenntnisse nach aussen tragen. Deshalb kandidiert Farina auf der Liste der Neokommunisten für einen Sitz im Mailänder Stadtparlament, will sich dort fürs Leoncavallo einsetzen. Er spaltet damit den Movimento zum zweiten Mal, diese linksalternative Bewegung Mailands, die sich bisher stets geweigert hatte, aus dem Untergrund aufzutauchen und "institutionell" zu werden. Farina weiss um die interne Kritik.

Im Conchetta, dem anderen "historischen" Centro sociale in Mailand, ist sie am lautesten. Es ist nach Mitternacht, unten an den Gestaden der früheren Handelskanäle, den Navigli im Quartiere Ticinese, poltert das Nachtleben aus den Bars und Klubs. Das Conchetta ist gleich um die Ecke. Die Generalversammlung hat getagt. Pino und Paolo gehören dazu. Viel mehr wollen sie über sich nicht preisgeben. Das Kollektiv zähle, sagen sie.

Marietto und Angelo sitzen auch noch dabei, zwei Arbeiter und Gewerkschafter in den Vierzigern. Es wird viel geraucht im oberen Stock des Buchladens Cox 18 und heftig debattiert. Alle waren sie jung, als sich die Szene formierte, damals, Mitte der 70er-Jahre. Manchmal geht die Nostalgie mit ihnen durch. Es klingt dann etwas anachronistisch. Sie träumen wortgewandt vom Klassenkampf und von einer gerechten, freien Gesellschaft. Schreiben Bücher und Theaterstücke darüber. Laden Indios nach Mailand ein, veranstalten Benefizkonzerte für Projekte in Chiapas.

Paolo sagt, er werde am 13. Mai nicht wählen. Er habe noch nie gewählt. Für ihn ist der Linke Francesco Rutelli keinen Deut besser als der Rechte Silvio Berlusconi. Beide hielten sie die Leute in den Centri sociali immer noch für Terroristen, sagt Paolo.

So steht es auch in den Zeitungen in diesen Tagen, die von einer angeblichen Wiedergeburt der Roten Brigaden schreiben, nachdem Berlusconi geklagt hat, er habe Morddrohungen erhalten. Woher, das weiss aber niemand so genau. Die Centri sociali waren immer schon eine beliebte Zielscheibe der offiziellen, der parlamentarischen Politik. Der Untergrund beflügelt die Fantasie.