10. August 2001

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Kritik an dem Beitrag der Gruppe gemeinsam sind wir stark, fels.


Guten Tag
Ich verstehe die Einschätzung nicht. Bereits eine Stunde nach dem Tod von Carlo Giuliani, distanzierten sich Sprecher der Tute Bianche und und des GSF von den, ihrer Meinung nach die Schuld für die Eskalation tragenden, sogenannten militanten Anarchisten, bzw. dem Schwarzen Block, bzw. Spitzeln, und Samstag wurde in der Zeitung von seiten eines
GSF-Sprechers gemutmaßt, es hätten, die ETA, die IRA und die Faschos ihre Hände im Spiel. Mutmaßungen ohne Ende. Wo waren denn diese Leute am Freitag, was haben sie gesehen? "3000 straff organsierte, in den Polizeiketten ein und ausgehende Schwarz-Gekleidete", wurde behauptet. Die habe ich nicht
gesehen. Mir schien, der/die Sprecher des GSF, als Teil eines Demo-Establishments, kam/en ausschließlich nur der Aufgabe nach, die Medien zu bedienen.
In einem Rundfunkinterview zwei Stunden nach dem Schuss, meinte ein Sprecher auf die Frage, ob sie sich mitschuldig fühlten am Tod von Carlo Giuliani, "nein, schließlich hätte die Polizei geschossen, aber er verstünde nicht, warum die Polizei die sogenannten 'tute nere', die 'Schwarzen', nicht in den Camps abhole, wo sie säßen. Sie wüßten doch, wo das sei." Das ist nicht nur eine einfache Distanzierung. Das führte teilweise zu panischen Reaktionen in verschiedenen Camps. Junge Frauen mußten sich, als sie sich der Rechtshilfe versichern wollten, sagen lassen, schwarze Chaoten vertreten wir nicht. Ein eigenartige Vorverurteilungsebene. Ich persönlich war absolut schockiert darob der Distanzierungsvehemenz von seiten des Organisationsestablishments der GlobalisierungsgenerInnen und in den italienischen Zeitungen wie Il Manifesto, Unita, Liberazione und von den Verschwörungsthesen gegen den
sogenannten schwarzen Block. Man hat dort Projektionen freien Lauf gelassen. Bis drei Stunden nach dem Tod eines Menschen gaben sich auf dem Podium am Konvergenzzentrun
politische RednerInnen die Hand, die nicht in der Lage waren, oder es nicht wollten, einem Gefühl der Verzweiflung, der Wut und der Trauer Platz zu machen. Da mußten erst junge Menschen das Podium stürmen. Sie wollten Redezeit im Fernsehen. Das wurde abgebügelt. Ich finde es unglaublich, wenn im Il Manifesto wirklich dummdreiste Artikel stehen
mit dem Titel "Una notte con il black block", wo die SchreiberIn sich in Nasenringen ecetera ergeht, gleichzeitig ziemlich deutlich das Camp Giardino Dalla Chiesa auf der subkulturellen Klaviatur diffamiert. Oder der Leitartikel im Il Manifesto mit dem Tenor, diese jungen Leute hätten
keine politische Meinung, sie wollten nur Randale. Das schreiben 44 jährige Muttis und Papis, als wären ihre Kinder vom Mars gefallen, denn es sei ja soooo unverständlich, was die täten. Man hätte ihnen keine Werte beigebracht. Welche Werte bitte? Ich bin 45. Ich laufe nicht mehr so schnell wie früher und ich habe mehr Angst als früher und ich zweifle
mehr als früher an bestimmten Aktionsformen, frage mich, macht es einen Sinn, so zu agieren etc. Aber ich kann mich sehr genau daran erinnern, daß es um die Frage ging und geht, diese ungerechten Verhältnisse, gegen die in Genua demonstriert wurde, abzuschaffen. Und ich distanziere mich
nicht von Militanz und verteufle sie generell als falsche Aktionsform und nicht links, wie die hohen Herren des GSF. Von der Basis des GSF habe ich wenig mitbekommen. Im übrigen besteht ein Unterschied zwischen Kritik und Distanzierung. Wie erklärt sich der symbolisch gute Stock eines/r tute bianche im Gegensatz zu einem konkret bösen Stock eines/r
tute nere? Darüber sollte geredet werden. Es ist Quatsch so zu tun, als hätten sich das GSF und die Tute Bianche nie distanziert, sie haben es getan und rudern jetzt zurück. Bis heute schockiert bin ich von der Äußerung nach dem Tod von Giuliani von seiten eines Tute Bianche Vertreters, der sagte, die 'tute nere' haben alles kaputt gemacht, und
"wir haben das Tränengas abbekommen und einen Toten". Hier gilt wie so oft, solange du lebst gehörst dir selbst,
wenn du tot bist, gehörst du den anderen. Funktionaliseren nenne ich das. Und linke Strukturen und Parteien in Italien funktionalisieren die Knüppeleinsätze von Genua, um gegen Berlusconi vorzugehen. Das nennt man Politik. Das mag allgemeinhin akzeptiert sein, aber darüber will ich
nicht vergessen, wie schnell und wie viele unter den G8 DemonstrantInnen sich von den vermeintlich Schuldigen, die sich angeblich in ihre Reihen eingeschlichen hatten, distanziert haben und nach der Polizei riefen, die sie jetzt - nach dem Knüppeleinsatz in der Schule und am corso
d'italia - wieder verteufeln. Ich will, daß in einer zukünftigen Diskussion genau das auf den Tisch kommt. Punkt.

Gruß Ingrid Scherf (Basisbuchhandlung München)