In Nepal haben Tausende ehemalige Schuldknechte ihr Schicksal in die eigene Hand genommen. Mit spektakulären Landbesetzungen wollen sie die Regierung zwingen, ihnen vor Monaten versprochene Parzellen zu übereignen. Seit Mitte Januar okkupieren rund 3 000 Familien in den westlichen Bezirken Kailali, Kanchanpur und Bardiya nichtbewaldetes Staatsland.
Jahrzehnte lang hatten die Landarbeiter in einem System der Schuldknechtschaft (Kamaiya) auf den Feldern reicher Landbesitzer geschuftet, weil ihre Vorfahren sich bei den Feudalherren verschuldet hatten. Der Hungerlohn, den sie dabei allenfalls verdienten, machte es ihnen unmöglich, diese Schulden abzutragen. Im Laufe der Zeit waren nämlich aus den anfangs nur kleinen Krediten hohe Summen geworden.
Die Regierung in Katmandu hat zwar im Juli letzten Jahres diese Lohnsklaverei abgeschafft und den rund 100 000 Betroffenen zur Freiheit verholfen. Doch ihr Versprechen, den völlig mittellosen Familien eigenes Land zuzuweisen, hat sie bislang nicht eingelöst. Dazu sagt Dilli Bahatur Chaudhary, Chef der Organisation »Backward Society Education«: »Vor sieben Monaten hat man diese Menschen zu freien Menschen erklärt, doch ihre Probleme sind bis heute ungelöst.« Die Backward Society war die Speerspitze der von einheimischen und internationalen Menschenrechtsgruppen unterstützten Kamaiya-Befreiungsbewegung.
Berichte, denen zufolge die Landbesetzer damit begonnen haben, Bäume zu fällen, um daraus Häuser zu bauen, wies Chaudhary zurück. Es werde zudem sorgfältig darauf geachtet, daß niemand die von Wildhütern als Pufferzonen ausgewiesenen Gebiete betrete, versicherte er. 13 in Nepal arbeitende internationale Nichtregierungsorganisationen (NGOs) sowie die in London angesiedelte Vereinigung »Anti Slavery International« unterstützen das Anliegen der besitzlosen nepalesischen Landarbeiter. In einer Petition haben sie die Regierung aufgefordert, die Tagelöhner auf eigenen Grundstücken anzusiedeln und dafür zu sorgen, daß sie ihren Lebensunterhalt verdienen können.
Obwohl die nepalesische Verfassung jegliche Art von Zwangsarbeit verbietet, wurde die Schuldknechtschaft ungeachtet aller Kritik vor allem in fünf westlichen Bezirken jahrzehntelang praktiziert. Am 17. Juli letzten Jahres wurde sie verboten. Die ausgebeuteten Landarbeiter brauchten die Schulden ihrer Vorfahren nicht länger abzutragen. Sie mußten das Land ihrer »Arbeitgeber«, auf dem sie bislang gelebt hatten, verlassen und wurden vorübergehend in 51 Lagern untergebracht.
Den Landarbeitern bleibe gar keine andere Wahl, als die Regierung herauszufordern, erklärte der Menschenrechtler Ashutosh Tiwari, der eng mit der Kampagne gegen Schuldknechtschaft zusammen gearbeitet hat. »Erstmals in der Geschichte Nepals haben sich Tausende freier, armer Menschen ohne Land gegen die Regierung erhoben. Sie wollen so bald wie möglich damit beginnen, das Land rechtzeitig für die nächste Ernte zu bestellen.«
Die von der Regierung zunächst für letzten Oktober, dann für Mitte Januar 2001 versprochene Landzuweisung läßt weiterhin auf sich warten. Inzwischen unterstützen zahlreiche NGOs die Tagelöhner und ihre Familien mit Lebensmitteln, Kleidung, Decken und Medikamenten. Die Kinder werden von Chaudharys Befreiungskampagne unterrichtet.
Eine Gruppe von Parlamentariern hatte kürzlich das besetzte Gebiet besucht. »Wenn man nicht bald etwas unternimmt, wird sich die Lage zuspitzen«, warnte das Delegationsmitglied Jeevan Prem Shrestha. Die Regierung müsse eine Sonderkommission mit der baldigen Lösung des Problems beauftragen. Zudem sollten sich die für Landreform und Entwicklung zuständigen Ministerien nach geeignetem Land für die Landarbeiter umsehen.
Chaudhary begrüßte das Engagement der Abgeordneten, verweist aber auf die Notwendigkeit, Aktivisten und Vertreter der betroffenen Landarbeiter in die Diskussion einzubeziehen. »Bis zur Lösung des Problems«, meinte er, »ist es noch ein weiter Weg«.
Ramyata Limbu, Katmandu (IPS)
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