Referendum Stadt Luzern
Für eine lebendige Industriestrasse


1. Gegen die geplante Business-City

Vor wenigen Jahren hat am linken Seeufer der Totalabriss des Rösslimatt- und Werkhofgebietes eingesetzt. Erstes Wahrzeichen des riesigen Neubaukomplexes, der in dem Grossraum Tribschen entsteht, ist das überdimensionierte SUVA-Gebäude vis à vis vom Jugendkulturhaus Wärchhof. Das einzige, was sich in dem Betonpalast nach Büroschluss noch bewegt, sind die Securitas-Wächter. Diesem toten Bürokomplex musste ein vielfältiges Kleingewerbe weichen, welches früher das Areal belebt hatte.
Auf der anderen Seite der Werkhofstrasse werden in Kürze ähnliche Baukomplexe entstehen. Hier soll Wohnraum für vorab besser verdienende SteuerzahlerInnen entstehen. Dieses Projekt verdrängt wichtige Orte des Luzerner Kulturlebens: In einem ersten Schritt den Wärchhof und den Pavillon der Luzerner Spielleute, in einem zweiten das La Fourmi.
Das Ganze hat noch viel grössere Ausmasse. Das gesamte Gebiet zwischen der Aufschütte und dem Geissensteinring soll einer radikalen Umgestaltung unterworfen werden. Denn einen Steinwurf vom Tribschengebiet entfernt steht auch das alte Gewerbegebiet an der Industriestrasse im Visier. Das Megaprojekt, das hier geplant wird, nennt sich "Technologie-Zentrum", kurz "Technopark". Die Firma Bucherer möchte sich hier auf ihre Art ein futuristisches Wahrzeichen setzen. Bereits der Name des Projekts macht deutlich, dass ein Komplex entstehen soll, in dem es für ein pulsierendes Leben keinen Platz mehr geben wird. Auch hier würde ein bunter Platz verschwinden.
Im Baukonzept des freisinnigen Stadtrates Kurt Bieder tritt damit vor allem eines deutlich hervor: Gebiete, in denen Luzern lebt, werden ruhig gestellt. Kreative Plätze werden durch tote Betonpaläste ersetzt. Luzern soll zur kalten Business-City werden.



2. Für die Erhaltung des öffentlichen Raumes

Die neoliberale Welle hat auch vor den Verwaltungszentren der Städte nicht Halt gemacht. Ein sogenanntes "Standortmarketing" ist Mode geworden. Hinter der Bezeichnung verbirgt sich ein einfaches Muster: Die Stadtbehörden manöverieren sich selber in einen Wettbewerb mit den Behörden anderer Städte. Um einen potenziellen Privatinvestor zu angeln, werden ihm möglichst günstige Konditionen angeboten. Verlierer in diesem Spiel sind in jedem Fall die Menschen, die in der Stadt wohnen und leben. Auch das Baukonzept der Stadt Luzern setzt alles daran, die Ansiedelung sogenannt "wertschöpfungsintensiver" Branchen zu fördern. Man ist bereit, dafür Stück für Stück des öffentlichen Raumes zu opfern. Bestes Beispiel ist das geplante Megaprojekt an der Industriestrasse.
Dort, wo heute ein freier und offener Platz der Kultur und Kreativität steht, stünde morgen ein privater und kommerzieller Betonpalast. Für sogenannte Sicherheitsdienste wie die Securitas würde dies eine Erhöhung des Auftragvolumens bedeuten, ebenso für die Hersteller der Warnschilder "Zutritt verboten!". Für reiche Konzerne mag dies attraktiv sein, für die BewohnerInnen ist es das Gegenteil. Denn die Lebensqualität einer Stadt zeichnet sich in erster Linie durch eine Vielzahl an öffentlichen und freien Plätzen aus. Sie zeichnet sich dadurch aus, dass es Freiräume gibt, an denen die Zwänge des Kommerzes und der profitorientierten Leistung nicht herrschen. Solche Orte lassen sich aber weder auf dem stadtplanerischen Reissbrett entwerfen, noch lassen sie sich durch soziokulturelle Modelle konzipieren. Oft entstehen sie "einfach", oft auch an überraschenden Orten. Dass sie aber entstehen können, dafür braucht es das richtige Umfeld. Förderlich wäre eine Politik, die die öffentlichen Interessen stärkt und diese gegen die Interessen Privater verteidigt. Zumindest braucht es eine Politik, die nicht einfach die ganze Stadt verkauft!


3. Gegen die Privilegien der Firma Bucherer

Luzernerinnen und Luzerner sind es gewohnt, dass der reiche Bucherer-Konzern in ihrer Stadt eine privilegierte Stellung geniesst. Seine Platzansprüche treffen in der Regel auf offene Ohren. Am Schwanenplatz hat der Konzern den wahrscheinlich besten Platz, den es in Luzern für sein Geschäft überhaupt gibt – inklusive eines ärgerlichen Carparkplatzes!
Doch auch darüber hinaus geniesst diese noble Firma eine überaus privilegierte Stellung. Dies zeigt das Megaprojekt an der Industriestrasse. Die Vorzugsbehandlung des Bucherer-Konzerns ist derart krass, dass man sich bei näherer Betrachtung der Angelegenheit erst mal die Augen reiben muss. Es stellt sich die Frage, wo wir eigentlich leben: Leben wir nicht mehr in einer Stadt, in der die Bedürfnisse der BewohnerInnen zuerst kommen? Haben die Konzerne das politische Szepter vollends übernommen?


4. Für die Erhaltung von freien Kultur- und Wohnräumen

Luzern soll eine Stadt bleiben, die lebt. Dies setzt voraus, dass es Plätze gibt, die nicht von "Standortmarketing" und Profitorientierung dominiert werden. Ausgerechnet die wenigen Freiräume, die es heute in Luzern gibt, will Baudirektor Bieder aber zum Verschwinden bringen. Das Areal an der Industriestrasse ist ein solcher wichtiger Ort. Zahlreiche Kultur- und Gewerbetreibende haben sich hier in den vergangenen Jahren niedergelassen. Dank ihnen entstand ein bunter, kreativer Platz. Hier befindet sich beispielsweise der schönste Flohmarkt der Stadt, oder es konnte letzten Sommer auf der alten Rampe eine der speziellsten Modeschauen stattfinden. Das Areal an der Industriestrasse, so wie es sich heute zeigt, ist ein wichtiger Farbtupfer in der ansonsten eher von Grau dominierten Stadt. Müssen die Kultur- und Gewerbetreibenden des Industriestrassen-Areals ausziehen und wird das "Technologie-Zentrum" aus dem Boden gestampft, dann ist Luzern um einen grauen Betonpalast reicher – und um einen weiteren Farbtupfer ärmer.
Darüber hinaus wirft die Liquidierung der Industriestrasse auch ein Schlaglicht auf das Leitbild des Luzerner Stadtrates, in dem Luzern als "Kulturstadt" gepriesen wird. Kultur beginnt hier offenbar erst dann, Kultur zu sein, wenn sie sich etabliert hat. Solcher Kultur werden teure Orte zur Verfügung gestellt. Vergessen aber wird, dass weder ein KKL noch das ehemalige Nationalbank-Gebäude geeignete Orte sind, an denen Kultur geschaffen wird. Dort wird lediglich verwertet, was anderswo gediehen ist. Eine Stadt, die es Ernst meint mit einem kulturorientierten Leitbild, dürfte einen Ort wie die Industriestrasse unter keinen Umständen einem reichen Konzern überlassen.


5. Gegen den faulen Kompromiss

Während der parlamentarischen Verhandlungsphase sah es während langer Zeit danach aus, dass die mitte-links Parteien SP und Grünes Bündnis das Megaprojekt nicht akzeptieren wollen. Im Raum stand ihre Ankündigung, ein konstruktives Referendum zu ergreifen. Durch das Zugeständnis eines kleinen Wohnanteils, der in den neuen Betonpalast integriert werden soll, liessen sie sich besänftigen. Das Ganze ist nichts anderes als ein fauler Kompromiss und dennoch wurde das Geschäft am 13. Dezember 2001 von allen Parteien des Grossen Stadtrates unterstützt.
Dass die Allparteienkoalition spielte, ist insbesondere der Haltung der mitte-links Parteien zuzuschreiben. Deren Einlenken auf den faulen Kompromiss weist darauf hin, dass sich ihre VerteterInnen nie bewusst waren, worum es eigentlich ging.
Hier geht es gerade nicht darum, ein paar Neubauwohnungen zu fordern.
Vielmehr geht es darum, freien Kultur- und Wohnraum zu erhalten. Es geht darum, dass Luzern nicht vollends den reichen Konzernen und den kommerziellen Zwängen überlassen wird. Letztlich geht es darum, ein Stück städtische Lebensqualität zu erhalten.


Phase 1
Komitee "Pro Industriestrasse"