23. Januar 2002

------------------------------------------------------------------------


Neue LZ

Linke Bewegung ergreift Referendum

Jetzt soll doch noch das Stimmvolk das letzte Wort zur Umzonung Industriestrasse haben: Die Phase 1 will bis Ende Februar 800 Unterschriften sammeln.
Als «faulen Kompromiss» taxiert die linke Bewegung Phase 1 den Beschluss des Grossen Stadtrates, das Areal an der Industriestrasse vorerst nur teilweise umzuzonen und mit einem kleinen Wohnanteil zu versehen. Dem Komitee Pro Industriestrasse geht es darum, «freien Kultur- und Wohnraum zu erhalten» und die Lebensqualität vor die kommerziellen Interessen zu stellen.


Anwohner nicht im Komitee
Das Komitee gab gestern bekannt, das Referendum zu lancieren. Für die Sammlung der 800 Unterschriften steht gerade noch ein Monat zur Verfügung. Die Anwohnerinnen und Anwohner, die eine Zeit lang auch ein Referendum erwogen hatten, sind nicht im Referendumskomitee, wie Mitinitiant Eugen Scheuch gestern auf Anfrage bestätigte. Das Komitee befürchtet, dass die Umzonung ein weiterer Schritt ist, «Gebiete, in denen Luzern lebt, ruhig zu stellen». Luzern solle «zur kalten Business-City werden».


Freiraum für Gewerbe und Kultur
Damit Luzern eine Stadt bleibe, die lebe, müssten Areale wie die Industriestrasse erhalten bleiben, zeigt sich die Phase 1 überzeugt. Zahlreiche Gewerbe- und Kulturbetriebe hätten sich in diesem Freiraum angesiedelt, die nicht zuletzt eine vielfältige Kultur produzierten. «Wird das Technologiezentrum aus dem Boden gestampft, dann ist Luzern um einen grauen Betonpalast reicher - und um einen weiteren Farbtupfer ärmer.» Anstoss nimmt Phase 1 auch daran, dass die Bucherer AG eine «dermassen hohe Vorzugsbehandlung» genossen habe.


GB: «Kein fauler Kompromiss»
SP und GB wehren sich gegen den Vorwurf, sie hätten im Parlament in einen «faulen Kompromiss» eingelenkt. «Wir haben immerhin erreicht, dass ein grösseres Gebiet vorerst von der Umzonung abgekoppelt wird. Und wir werden uns dafür einsetzen, dass dort ein städtebaulicher Wettbewerb durchgeführt werden kann», sagt GB-Sprecherin Cony Grünenfelder. Für die verbliebene städtische Zone sei ein Wohnanteil beschlossen worden, «der für uns gerade noch drinliegt». Immerhin, so Grünenfelder, sei er gleichzusetzen mit der Wohn- und Geschäftszone im Hirschmattquartier. Also könne im Areal Industriestrasse durchaus ein bunt gemischtes Quartier entstehen. «Mehr Wohnanteil war unter den gegebenen politischen Kräfteverhältnissen nicht herauszuholen.»
Auch SP-Fraktionschef Beat Züsli sieht im ausgehandelten Vorschlag eine «Chance». Das ursprüngliche Feld der Umzonung habe erheblich verkleinert werden können. «Damit haben wir erreicht, dass über die Gesamtentwicklung eines grösseren Gebietes nochmals nachgedacht werden kann. Das war für uns der entscheidende Punkt.»


Kleinkultur nicht zonenkonform
Er könne die Lancierung des Referendums schon respektieren, «das ist ein Volksrecht», sagte Baudirektor Kurt Bieder gestern auf Anfrage. Allerdings habe er Mühe, die Stossrichtung des Vorhabens zu verstehen. «Sollte die jetzige Zone für öffentliche Zwecke erhalten bleiben, wie das vom Referendum angestrebt wird, dürfte das Areal streng genommen gar nicht mehr für Gewerbe und Kleinkultur genutzt werden, wie das jetzt der Fall ist. Diese Nutzung ist nämlich gar nicht zonenkonform.»
Mit andern Worten: Selbst wenn die heutige Nutzungssituation nachträglich legalisiert werden sollte, wäre eine Umzonung vonnöten. «Ich weiss gar nicht, ob sich dessen die Referendumsinitianten bewusst sind», sagte Bieder. Der Baudirektor rechnet damit, dass bei einem Zustandekommen des Referendums die Abstimmung wohl im Juni stattfinden würde.


Änderung bei Bucherer
Bekanntlich hat sich in der Zwischenzeit auch für die Firma Bucherer eine neue Ausgangslage ergeben: Wie weit die frei gewordenen Räumlichkeiten der Diamond Trading an der Langensandstrasse das Bucherer-Vorhaben an der Industriestrasse reduzieren oder gar überflüssig machen, konnte gestern Adalbert Bütler, Direktionsvorsitzender von Bucherer, noch nicht sagen. «Die Verhandlungen finden erst Ende Januar statt.» Für das Komitee bestärkt Bucherers mögliche «Redimensionierung ihres Megaprojektes» die Frage, «ob die Wirtschaft wirklich weiterer Bürokomplexe bedarf». Gerade diese Firma habe mit ihren vermeintlichen Baubedürfnissen massgeblich zum Umzonungsentscheid beigetragen.